Abstracts
Plenarvorträge
Eröffnungsvortrag (Dienstag,
26. August, 17:00–17: 50)
Rolf-Peter Janz
(Berlin)
Ähnlichkeiten. Zwischen
Identität und Fremdheit
Im ersten Teil des
Vortrags werden Konzepte der Transkulturalität im Unterschied zu Inter- und Multikulturalität
erörtert, wie sie Wolfgang Welsch, Hans Jörg Sandkühler u. a. entwickelt
haben, und zwar im Blick auf die Herkunft und die analytische Reichweite des
Begriffs. Hier ist zu berücksichtigen, dass er nicht nur eine politische und
kulturwissenschaftliche Dimension hat. Fraglos unterliegen Kulturen einem
ständigen Wandel, der auf Zustimmung oder Ablehnung stoßen kann, und vielerorts
geht eine Überschreitung der Grenzen zwischen vermeintlich stabilen Kulturen
längst vonstatten. Kann man aber wie selbstverständlich davon ausgehen, dass
Kulturen, d. h. unterschiedliche Traditionen, Einstellungen, Lebensformen,
Wertvorstellungen etc. miteinander verträglich oder sich ergänzen? Und welche
sind die Bedingungen dieser Verträglichkeit? Es wäre naiv anzunehmen, dass
Elemente unterschiedlicher Kulturen sich umstandslos amalgamieren lassen. Nach
wie vor ist die Auffassung verbreitet, dass sich Konzepte von eng gefasster
Identität und eng gefasster Alterität unter wechselhafter Ausschließung
gegenüber stehen. Identität muß aber keineswegs, wie oft behauptet, an
Vorstellungen von Homogenität gebunden sein. Ebensowenig ist das Fremde immer
nur das Andere. Zu prüfen ist, ob mit einem Konzept von Ähnlichkeit eine
Möglichkeit erschlossen wird, die Kluft zwischen Identität und Fremdheit zu
überbrücken. Denn das Ähnliche hat an beiden Anteil, und es entgeht der Gefahr,
unterschiedslos nach Art eines Beziehungswahns alles mit allem in ein
bedeutungsloses Verhältnis zu setzen.
Überdies sollte unterschieden werden zwischen
transkulturellen Prozessen, die in der gesellschaftlichen oder politischen
Praxis vonstatten gehen, und solchen, die in und zwischen den Künsten zu
beobachten sind.
Die Künste und unter ihnen die Literatur sind
privilegierte Orte, die es ermöglichen, kulturelle Grenzüberschreitungen nach
Art einer Versuchsanordnung zu inszenieren und durchzuspielen.
Im zweiten, literaturwissenschaftlichen Teil des
Vortrags untersuche ich u. a., inwieweit literarische Fremderfahrungen im
Horizont der Transkulturalität gedeutet werden können. Nach wenigen Beispielen
in der Literatur der Weimarer Republik (Joseph Roth u. a.) wende ich mich
zwei Romanen der Gegenwart zu, W. G. Sebalds „Austerlitz“ (2001) und Ilija
Trojanows „Der Weltensammler“ (2006).
Mittwoch, 27. August, 9:00–9:50
Ikeda Nobuo (Tokyo)
Emergenz neuer
Sprachlandschaften
am Beispiel literarischer Übersetzungen in Japan
Übersetzer waren
und sind immer noch Hauptdarsteller auf der Szene der Transkulturalität. Das
klingt wie eine Binsenwahrheit. Aber in welchem Sinne? Mit dieser einfachen
Frage geraten wir häufig auf sumpfigen Boden. Eine Ausnahme stellt die Zeit
kurz nach der Öffnung Japans für die westlichen Kulturen in der zweiten Hälfte
des 19. Jahrhunderts dar. In dieser Epoche der raschen Modernisierung sollte
eine ganz neue Sprache geprägt werden, die seither nicht vorhandene
Kulturgüter, nämlich neue Wissenschaften im Bereich des Rechts-, Staats-,
Schul- und Militärwesens vermitteln und darüber hinaus den damaligen Japanern
die ihnen zunächst sehr fremde westliche Literatur zugänglich machen konnte.
Dabei haben Übersetzungen auf allen Gebieten eine leitende Rolle gespielt, so
dass in einer erstaunlich kurzen Zeit eine völlig neue einheitliche Sprache
entstand. Diesen Vorgang könnte man als Emergenz bezeichnen und mit ähnlichen
Prozessen an den Jahrhundertschwellen des 18. und 19. Jahrhunderts in
Deutschland vergleichen. In beiden Fällen fungierten Übersetzer zugleich als
Theoretiker/Philosophen und/oder Schriftsteller. Der geplante Vortrag wird an
Hand der Übersetzungen Ōgai Moris, der nach seiner Rückkehr aus Deutschland mit
jungen Gleichgesinnten literarische Experimente zur Schaffung hier in Japan
völlig unbekannter literarischer Formen unternommen hat, die Neuprägung der
japanischen Sprache erörtern. Da ich selbst auch als Übersetzer
deutschsprachiger Literatur tätig bin, möchte ich dazu noch über den
gegenwärtigen Stand des Übersetzens der deutschsprachigen Literatur in Japan
berichten, und die einschlägigen Befunde mit den anderen Teilnehmerinnen und
Teilnehmern aus deutschsprachigen wie ostasiatischen Ländern diskutieren und
mich mit ihnen austauschen.
Mittwoch, 27. August,
10:00–10:50
Eva Neuland (Wuppertal)
Sprachdidaktik: Positionen und
Perspektiven.
Zwischen Kulturalität und Transkulturalität
Die Sprachdidaktik
ist eine Wissenschaftsdisziplin, die durch mehrfache Grenzüberschreitungen
gekennzeichnet ist, und zwar im Wesentlichen:
–
als
Wissenschaft vom sprachlichen Lehren und Lernen überschreitet sie die Grenzen
der herkömmlichen Sprachgermanistik im Hinblick auf die Anwendungsfelder
von Vermittlung und Unterricht,
–
ebenso
überschreitet sie die engen Fachgrenzen der traditionellen
Universitätsdisziplin im Hinblick auf die interdisziplinären Bezüge zur Erziehungs-,
Sozial- und Kulturwissenschaft,
–
in Form von
Deutsch als Fremdsprache und seiner Didaktik überschreitet sie schließlich die
eigensprachlichen und eigenkulturellen Grenzen von Deutsch
als Muttersprache und ihrer Didaktik.
Innerhalb dieses
Spannungsfeldes von Sprachforschung, Sprachlehre und Sprachunterricht, von
Wissenschaft und Berufspraxis, von Mutter- und Fremdsprache sowie von „Eigen-“
und „Fremdkultur“ sollen vor dem Hintergrund der fachgeschichtlichen
Entwicklungen in der sog. Inlandsgermanistik – und zum Teil in Kontrast zu den
sog. Auslandsgermanistiken – verschiedene Verständnisweisen und Positionen der
Sprachdidaktik aufgezeigt werden.
Im Rückgriff auf eigene Forschungen zu zwei
Gegenstandsfeldern der kontrastiven Sprachpragmatik, und zwar Jugendsprachen
und Jugendkulturen sowie sprachliche Höflichkeitsstile in Deutschland, Japan,
China und Korea werden Möglichkeiten und Schwierigkeiten der Förderung
kultureller und kommunikativer Kompetenzen veranschaulicht. Abschließend werden
Perspektiven für die Entwicklung einer transkulturellen Sprachdidaktik
erörtert, die dem sprachlichen und kulturellen Wandel und den intra- und
interkulturellen Differenzierungen und Austauschprozessen Rechnung tragen.
Mittwoch, 27. August,
11:00–11:50
Zhu Jianhua (Shanghai)
Fachsprachen als
interdisziplinäre
und interkulturelle Kommunikationsmittel
Die Fachsprachen
werden heutzutage als eine der wichtigsten Varietäten bzw. Subsprachen der
deutschen Gegenwartssprache sowohl in der Germanistik im deutschsprachigen Raum
als auch in der sogenannten „Auslandsgermanistik“ zu verschiedenen
pragmatischen Zwecken erforscht. Auch in der chinesischen Germanistik haben die
Fachsprachen immer größere Bedeutung gewonnen. Schon seit Ende 70er Jahre wurde
Deutsch als Fachsprache ins Ausbildungsprogramm mancher Universitäten eingeführt.
Seit den 90er Jahren besteht immer mehr die Tendenz, Fachsprachen nicht nur aus
sprachsystematischen, sondern auch aus kulturorientierten linguistischen
Gesichtspunkten zu untersuchen und anzuwenden.
In den vorliegenden Ausführungen wird versucht, die Gründe,
die Notwendigkeit der Fachsprachenforschung in der germanistischen Linguistik
in China, ihre Entwicklung vom sprachstrukturorientierten Ansatz zu
kommunikativen bzw. pragmatischen Ansätzen zu beschreiben, wobei man besondere
Rücksicht auf die extralinguistischen, interdisziplinären und interkulturellen
Faktoren in der deutsch-chinesischen Fachkommunikation genommen hat.
Was die Schwerpunkte der Fachsprachenforschung in der
germanistischen Linguistik in China betrifft, sind m. E. mindestens
folgende Spezialforschungsbereiche zu erwähnen: Fachsprachentheorie, Fachlexik
und Terminologieforschung, Fachlexikographie, Fachsyntax, Fachtext, kontrastive
Fachsprachenforschung und interkulturelle Fachkommunikation, Fachübersetzung
und -dolmetschen sowie Didaktik des Deutschen als Fachfremdsprache.
Donnerstag, 28. August,
9:00–9:50
Dietmar Goltschnigg
(Graz)
Individuelle und kollektive
Identitäten und Identitätskrisen
in der österreichischen Moderne
Die vielfältigen
politischen und gesellschaftlichen, wirtschaftlichen und kulturellen
Modernisierungsprozesse hatten im Europa des 19. Jahrhunderts einerseits
erfolgreiche Vereinheitlichungen zur Folge (z. B. die Nationalstaaten
Deutschland und Italien), denen andererseits – wie im Habsburgerreich – massive
Heterogenitäten entgegenstanden, und zwar nicht nur soziale, sondern vor allem
auch ethnische, kulturelle, religiöse und sprachliche Pluralitäten. Aus diesen
„vertikalen“ und „horizontalen“ Differenziertheiten resultierten vielfältige
politisch-nationale und ethnisch-kulturelle Spannungen und Konflikte,
individuelle und kollektive fremdenfeindliche Neurosen, vor allem auch
antisemitische Projektionen, die sich in ebenso mannigfaltigen Identitäts- und
Existenzkrisen manifestierten. Von kulturgeschichtlicher Relevanz sind vor
allem die Krisen jüdischer und österreichischer Identität, die sich oft
wechselseitig bedingten. Während die Judenheit – nach ihrem Selbstverständnis
als übernationale, völkerverbindende Ethnie – einerseits von der
Wunschvorstellung beseelt war, „die
österreichische Nationalität schlechthin zu bilden“ (Joseph Samuel Bloch,
1886), sahen sie sich andererseits – wie es Arthur Schnitzler mit dem ihm
eigenen skeptischen Pessimismus zum Ausdruck brachte – vor die unlösbare
„Complicirtheit der Sache“ gestellt, Österreicher und/oder Jude zu sein. Nicht
nur eine Symbiose beider Identitäten erwies sich ihm als fragwürdig, sondern
auch die Integrität der je eigenen, jüdischen bzw. österreichischen Identität.
„Dieses merkwürdige schwer zu verstehende Österreich“, wie Hofmannsthal es
empfand, war für Schnitzler nur „ein Gebild des Zufalls“, „eine völlig
gleichgültige, administrative Angelegenheit“. Das gestörte Weltverständnis der
Jungwiener Autoren verband sich mit einem ebenso gestörten Selbstverständnis,
das auch empiriokritizistisch (Ernst Mach) und psychoanalytisch (Sigmund Freud)
begründet und literarisch vielfach thematisiert wurde (exemplarisch etwa in
Hofmannsthals Reitergeschichte,
Schnitzlers Leutnant Gustl oder Musil
Die Verwirrungen des Zöglings Törleß).
Den Schwerpunkt des Vortrags bilden die verschiedenartigen, durch den im Wiener
Fin de siècle virulenten Antisemitismus hervorgerufenen jüdischen
Identitätskrisen und ihre literarischen Darstellungen, wobei nicht nur einzelne
Werke herangezogen (Arthur Schnitzler: Jugend
in Wien, Der Weg ins Freie, Franz
Werfel: Pogrom, Hermann Broch: Hofmannsthal und seine Zeit), sondern
auch Traditions- und Rezeptionszusammenhänge (Karl Kraus: Heine und die Folgen) untersucht werden sollen.
Donnerstag, 28. August, 10:00–10:50
Kim Su-Yong (Seoul)
Mephisto und Aufklärung.
Eine Perversion
Mein Vortrag
versteht sich als ein Versuch, Wesen und Phänomena des von Mephistopheles
vertretenen Bösen im Zusammenhang mit dem Krisenbewusstsein der Goethezeit zu
betrachten. Er will zeigen, dass in Figur Mephisto die durch die Aufklärung
verursachten Krisenerscheinungen der Zeit kristallisiert werden.
Das wesentlichste Moment im mephistophelischen Bösen
ist sein Geist der Negation, der all dem, was entsteht und besteht, jeden Wert
abspricht. Dieses Prinzip der Verneinung ist Konsequenz seiner Charakteristika.
Er ist realistisch und rational zugleich. Als konsequenter Realist akzeptiert
er nur das Real-Existierende, so ist es nur natürlich, dass er jede
übersinnliche Auslegung von sinnlichen Phänomenen, jede Idealisierung von
realen Gegenständen, jede geistige und moralische Sinngebung strikt ablehnt.
Bei seinem Realismus handelt es sich also um eine Geisteshaltung, die
idealistisches Pathos und übersinnlichen Glauben kritisch in Frage stellt, als
Illusion oder Lüge bloßstellt und als solche letztlich zerstört. Dies bedeutet,
dass die realistische Weltansicht Mephistos von einem eigentümlichen
Rationalismus geprägt ist. Denn seine Skepsis und kritische Distanzierung
gegenüber allem Nicht-Realen sind im Grunde ohne rechnende, kritisch denkende,
analysierende und beurteilende Ratio nicht vorstellbar.
Dieser rationale Realismus des Teufels bestimmt
weitere Momente seines bösen Wesens. Weil dieser Realismus keine moralischen
Bedenken, keine religiösen Gebote kennt, können seine Aktivitäten hemmungslos
‚rational‘ sein, d. h. in ihm wird die ‚Ratio‘ zum total kalkulierenden
Verstand. Denn hier dient sie ausschließlich dem Erreichen bestimmter Zwecke
und macht sich zu ihrem blinden Instrument. Sie hat nur die Funktion, die
bestmöglichen Mittel zu den Zwecken zu errechnen. So ist dieser teuflische
Rationalismus praktisch identisch mit jener Denkform, die Adorno und Horkheimer
„Zweckrationalität“ nennen.
Diese Charakterzüge des mephistophelischen Bösen
zeigen eine deutliche Parallelität zu den durch die Aufklärung verursachten
Krisenerscheinungen der Goethezeit. Mephistos kritischer Rationalismus, seine
Ironie und Skepsis, die auf Bloßstellung und Zerstörung alles Idealistischen
und Übersinnlichen gerichtet sind, weisen im Prinzip dieselbe intellektuelle
Aggressivität der aufklärerischen Autonomie des Denkens auf. Mephistos
hemmungsloser Rationalismus, der die Vernunft auf eine bloße
Nützlichkeitserwägung reduziert, hat auch seine Entsprechung im radikalisierten
Utilitarismus der Zeit. Dieser Utilitarismus war es, der die Dichter der
Goethezeit am tiefsten beunruhigt hat. In ihm sahen viele Zeitgenossen einen
paradigmatischen Fall der pervertierten Aufklärung.
Goethe bietet also durch die Gestaltung seines Teufels
eine einmalige literarische Krisenphänomenologie dar.
Donnerstag, 28. August,
11:00–11:50
Paul Michael Lützeler
(St. Louis)
Inter-Kontinentalisierung:
Ein deutsch-amerikanischer Germanist
über den literarischen Europa-Diskurs mit Kolleginnen aus Asien
Seit Jahren habe
ich in Japan, China, Korea und Indien mit KollegInnen aus der Germanistik und
Komparatistik über den literarischen Europa-Diskurs der europäischen
SchriftstellerInnen von der Romantik bis zur Gegenwart diskutiert. Dabei zeigte
sich, wie schwierig es ist, in Ländern, die traditionell in nationalkulturellen
Kategorien denken, zu vermitteln, was zum Thema der europäischen Identität und
Einheit beigesteuert wurde.
Gegenwärtig wird die Rolle der nationalen
Zivilisationen im Kontext der Globalisierung diskutiert, dabei aber zu oft
übersehen, dass es eine Zwischenebene der Kontinentalisierung gibt, die –
gerade in Europa – durch den Identitäts-Diskurs der SchriftstellerInnen
vorbereitet wurde. Weil dabei auch die Beziehung zu anderen Kontinenten
berücksichtigt wurde, zeichnete sich früh bereits das Phänomen der kulturellen
Inter-Kontinentalisierung ab.
Sektion 1A Sprache, Kognition und Kultur
Zur
Tragweite der Kommunikativen Stilistik
in transkulturellen und -lingualen Kommunikationssituationen
Watanabe Manabu (Tokyo)
Nach einem knappen Rückblick auf die Forschungsergebnisse auf dem Sektor der Diskursanalyse und der Gesprochene-Sprache-Forschung werden zunächst einmal anhand konkreter Beispiele (Basissprachen: Deutsch, Japanisch) aus „bunten“ Gesprächsausschnitten sprachlich-kommunikative Komponenten herausgegriffen und Fachwörter um das language crossing vor der Folie der multilingualen Kommunikationsgemeinschaften auf ihre Stichhaltigkeit hin und zum Zweck ihrer Differenzierung überprüft. Dabei wird u. a. eine variationslinguistische Problematisierung feststehender Sprachnormen („Mythos“ einer einzigen Standardsprache/Standardvarietät und deren Verabsolutierung) mit in den Blick genommen. Ein weiteres Ziel des Vortrags ist, aufgrund von „Transferphänomenen“, die auf unterschiedlichsten Ebenen anzusiedeln sind, das Erscheinen der hinter den hybriden Gesprächsausschnitten steckenden Transkulturalität und -lingualität zu klären, deren Regelgeleitetheit zu ergründen und dadurch zur Präzisierung und Verstärkung der Position der Kommunikativen Stilistik beizutragen.
Eine
Syntaktische Analyse der Werbesprache:
Deutsch/Koreanisch kontrastiv
Park Young-Me (Busan)
In dem Artikel werde ich anhand koreanischer und deutscher Daten einige linguistische Merkmale der Werbesprache illustrieren. Da die theoretischen Ansätze bislang in den beiden Sprachen generell syntaktische Aspekte dieser Sprache vernachlässigt zu haben scheinen, werde ich u. a. auf (morpho)syntaktische Aspekte der koreanischen und deutschen Werbesprache fokussieren. Wie andere Mediensprachen (chatting, SMS) unterliegt die Werbungsprache dem Ökonomieprinzip, demzufolge die Sätze der Werbesprache so kurz und effektiv wie möglich auszudrücken sind. Aus diesem Grund sind Ellipse, Bewegung (Verschiebungen, Extrapositionen usw.) häufig zu beobachten. Für diese Aspekte werde ich einige syntaktische Analysen im Rahmen des generativen Modells durchführen.
Kulturelle Identität und Sprachwandel
Wolfgang Nitz (Kobe)
Die kulturelle Identität ist die Identifikation mit bestimmten kulturellen Werten und die Ablehnung von anderen Werten, sie wirkt somit zur gleichen Zeit integrierend und ausgrenzend. Jeder Mensch gehört im Laufe seines Lebens verschiedenen kulturellen Gruppen oder Subkulturen gleichzeitig und nacheinander an, wobei die Übergänge fließend sind, wie die kulturelle Identität nicht statisch, sondern ein Prozess ist. Zunächst scheinen zwischen der Subkultur der in der Medienforschung untersuchten niederbayrischen Landfrauen und der von Hamburger Medizinern weniger Gemeinsamkeiten zu bestehen als zwischen diesen beiden Gruppen und ihren japanischen Entsprechungen, dennoch verbinden sie die gemeinsame Geschichte, die Kultur-Tradition und die Sprache.
Sprache, Geschichte und Kulturtradition sind der Ausdruck ihrer gemeinsamen kulturellen Identität. Sprache ist nicht nur ein Kommunikationsmittel sondern vor allem auch ein Medium, mit dem die Dinge benannt werden, mit dem sie ihre Bedeutung erhalten, mit dem also Realität hergestellt wird. Verändert sich die Sprache, so hat das Auswirkungen auf die Kulturidentität und umgekehrt. Der Vortrag befasst sich mit einigen Aspekten der Medien und des Sprachwandels, die die Kulturidentität reflektieren und konstituieren. Beispiele sind der Bedeutungswandel des Wortes „Frau“, Neologismen, Anglizismen usw.
Höflichkeit als Identitätsfrage in der Kommunikation
Seyyare
Duman (Eskişehir)
In dieser Arbeit geht es um die Höflichkeit, die mit der kulturellen Identität eng verbunden ist, die in einer interkulturellen Kommunikation Verständigungsschwierigkeiten verursacht. In der türkischen Sprache kennt ‚die Höflichkeit‘ (nezaket) keine Grenzen. Für jede Gelegenheit hat man in der Alltagssprache passende Formeln bereit, die beim Gespräch mit Fremden entweder nicht richtig oder falsch verstanden werden. Viel verwendete Komplimente könnten von einem Fremden als Anmachen verstanden werden, oder ein schnelles Nein und scharfe Kritik gilt für einen Türken unhöflich. Außerdem erwartet man von einem Fremden, dass er über die Ehre, über das Vaterland oder über die Religion nicht etwas Negatives sagt etc. Aus diesem Grund werden alltägliche Formeln diskutiert und mit Beispielen erklärt.
Negation und körperliche Ausdrücke
Takeuchi Yoshiharu / Miyashita Hiroyuki (Kanazawa)
Sprache macht die interkulturelle Kommunikation schwierig, weil sie ein willkürliches Zeichensystem ist. Trotzdem können wir andere Kulturen verstehen, weil uns allen Menschen grundsätzlich die selben durch Evolution erworbenen kognitiven Fähigkeiten zur Verfügung stehen.
Durch den Vergleich der körperlichen Ausdrücke von Japanern und Deutschen, die bei sprachlichen Ausdrücken mit Negation ko-okurrieren, haben wir folgendes feststellen können: Hinter der Negation der beiden Sprachen befinden sich einerseits beiden Sprachen gemeinsame Grundkognitionen. Andererseits ist die Funktionsweise einzelner Kognitionseinheiten und deren Vernetzungsweise unterschiedlich. Diese körperlich fundierten Kognitionen erleichtern uns die Verständigung über Kulturen hinweg.
Farbmetaphern im Deutschen und ihre Übersetzbarkeit ins Koreanische
Koo Myung-Chul (Seoul)
Die Farbbezeichnungen können durch Metaphern neue Bedeutungen bzw. Anwendungsmöglichkeiten finden. Die Farbmetaphern lassen sich mit Hilfe der Analyse der Kollokationen, Redewendungen, Komposita u. a., in denen eine Farbbezeichnung enthalten ist, feststellen. Wir können z. B. folgende Farbmetaphern von blau finden: ein blauer Herbsttag ® Klarheit, blaue Lippen ® Blässe, blauer Fleck ® Prellung, blauäugig ® Arglosigkeit, Blaublütigkeit ® Adel usw. Nicht alle diese Farbmetaphern sind bei entsprechender koreanischer Farbbezeichnung möglich. Für die deutschen Farbmetaphern gibt es nur dort eine koreanische Entsprechung, wo es physikalisch bzw. physisch um eine ähnliche Farbe geht. Ansonsten, d. h. in den Fällen, wo die deutschen Farbmetaphern historisch oder symbolisch motiviert sind, existiert im Koreanischen eine entsprechende Metapher nicht. Bei anderen Farbbezeichnungen wie schwarz, weiß, rot, gelb und grün lassen sich die Möglichkeit von Farbmetaphern und die Übersetzbarkeit in die entsprechende koreanische Farbbezeichnung ebenfalls auf diese Weise überprüfen.
Untersuchung der Konnotationen von Tieren in der chinesischen und deutschen Sprache und Kultur am Beispiel von Redensarten
Cong Mincai (Dalian)
In der vorliegenden Arbeit handelt es sich um Vergleich und Analyse der Konnotationen von Tieren in der chinesischen und deutschen Sprache und Kultur am Beispiel von Redensarten. Die Ähnlichkeiten und Differenzen der Konnotationen von Tieren in den Redensarten beider Sprachen sind zu untersuchen.
1. Die Begriffe Kultur und Interkulturalität werden zuerst kurz erklärt.
2. Die zentralen Begriffe Konnotation und chinesische bzw. deutsche Redensart werden dann vorgestellt.
3. Den Ergebnissen der theoretischen Annäherungen folgend, werden Konnotationen von Tieren in der chinesischen und deutschen Sprache durch konkrete Beispiele näher analysiert.
4. Weiterhin werden die Ursachen untersucht.
Ausdrücke
benefaktiver bzw. malefaktiver Bedeutung.
Ein
deutsch-japanischer Kontrast
Narita Takashi (Tokyo)
Beim Vergleich eines Romans und dessen Übersetzung wird oft
festgestellt, dass im Japanischen eine benefaktive/malefaktive Bedeutung
explizit ausgedrückt wird, wo im Deutschen diese implizit bleibt: Kanojo wa
boku o daidokoro ni tooshite-kureta. (boku wird mit kureta explizit als Benefizient
dargestellt.) vs. Sie hat mich in die Küche geführt. (aus: Der
Vorleser von B. Schlink) Von den Möglichkeiten im Deutschen, die
benefaktive/malefaktive Bedeutung auszudrücken, z. B. durch den Dativ
commodi/incommodi oder die für-Phrase,
scheint im Vergleich zum Japanischen weniger Gebrauch gemacht zu werden. Dieser
Unterschied wird anhand von Belegen aus deutsch-japanischen/japanisch-deutschen
Übersetzungstexten aufgezeigt und im Zusammenhang mit der Perspektive erörtert.
Sprachspezifische
und universelle Ausspracheabweichungen
bei japanischen Lernern
Niikura Mayako (Tokyo)
Interferenzerscheinungen im Bereich der Aussprache bei japanischen Lernenden zeigen Ähnlichkeiten mit der phonologischen Struktur von Entlehnungen im Japanischen. Bei Entlehnungen vom Deutschen ins Japanische werden Silbenstruktur sowie Akzentsetzung u. a. dem phonetischen und phonologischen System des Japanischen angeglichen. Die Abweichungen in der Aussprache, vor allem Vokal-Epenthese (Sproßvokale) und Akzentsetzung, sind auf die gleichen sprachspezifischen Erscheinungen zurückzuführen. Bei den phonetischen Experimenten mit japanischen Lernenden zeigt sich, dass nicht nur sprachspezifische Erscheinungen im Japanischen auftreten, sondern auch universelle Phänomene zu erkennen sind. Mit der Optimalitätsanalyse wird die gesamte Modifikation beschrieben.
Zählbare
Massennomina.
Wie wird die Individuierung im Japanischen kodiert?
Yoshida Mitsunobu (Hiroshima)
Im Deutschen unterscheiden sich zählbare Nomina und Massennomina durch Pluralfähigkeit oder Verbindung mit dem unbestimmten Artikel (ein Hund /*ein Reis). Aber Sprachen wie Japanisch oder Chinesisch machen keinen solchen Unterschied, da sie weder Artikel noch Pluralformen haben. In der Literatur werden Nomina dieser Sprachen oft wie Massennomina betrachtet (Chierchia 1998). Die Frage ist nun: Wie wird dann die Individuierung eines Referenzobjekts kodiert? Ein Kandidat für die Lösung dieses Problems wäre der Numeralklassifikator. Können bloße Nomina wie Inu (Hund) jedoch einfach als Massennomina gelten? Dieser Beitrag soll zeigen, dass im Japanischen „zählbare Massennomina“ existieren und die Zählbarkeit eine Rolle spielt.
Zwischen
Selbständigkeit und Unselbständigkeit.
Eine sprechakttheoretische Überlegung
zum Grad der illokutionären Selbständigkeit
Kang Chang-Uh (Seoul)
Die Entscheidung darüber, ob eine sprachliche Einheit wie z. B. Wort, Phrase, Teilsatz, Satz, Satzverknüpfung, die in einer konkreten Kommunikationssituation verwendet wird, illokutionär selbständig ist oder nicht, ist häufig sehr schwer zu fallen, was nicht nur für Sprechakttheoretiker, sondern auch für Dialoganalytiker ein heikles Problem darstellt. Ein Grund dafür liegt darin, dass es Fälle gibt, die illokutionär weniger selbständig scheinen als Äußerungen, die in Form eines syntaktisch selbständigen Satzes realisiert werden und ohne weiteres als illokutionär selbständig zu betrachten sind. Zu diesen Fällen gehören u. a. diejenigen, deren Realisierung nur von der Realisierung einer anderen Illokution abhängig ist. In diesem Vortrag wird über die Möglichkeit diskutiert, die illokutionäre Selbständigkeit nicht dichotomisch, sondern graduell zu erfassen.
Satzartigkeit im Deutschen und Japanischen
Mori Yoshiki (Tsukuba)
In dieser Arbeit wird der Frage nachgegangen, wie semantisch sich die Verbstellung in deutschen Sätzen erklären lässt. Im Fokus stehen nicht nur Verbzweit-Sätze (V2-Sätze), sondern auch Verbletzt-Sätze (Vfin-Sätze). Für die Beziehungen zwischen morphosyntaktischen Satztypen und pragmatischen Illokutionstypen gibt es z. Z. mindestens zwei repräsentative Ansätze. Einerseits vertritt Marga Reis einen hybriden Ansatz, bei dem der Grad der Subordination (Semantik der „Integriertheit“) aus syntaktischen, phonologischen, informationsstrukturellen und illokutionären Gewichtungen entsteht. Andererseits behauptet Truckenbrodt neuerdings eine modalsemantisch fundierte Theorie von Satzmodus, der für ihn eine Vorstufe eines Illokutionstyps darstellen soll. Die vorliegende Arbeit bietet einige Daten, die modale Aspekte von Satzmodus bestätigen.
Sektion 1B Literatur, Übersetzung und Kultur
Warum
gilt im japanischen Theater der Gegenwart
der Text noch als zentrale Referenz?
Die Inszenierung von Junji Kinoshitas
„Ein Japaner namens Otto“
Niino Morihiro (Tokyo)
Das Theater ist ein Ort für die Konfrontation mit der Vergangenheit. Der japanische Dramatiker Junji Kinoshita (1914–2006), der Sympathisant der kommunistischen Partei war, schrieb eine Serie von Stücken, die die Zuschauer zur Reflexion der Zeit zwischen den beiden Weltkriegen auffordern. In seinem Stück „Ein Japaner namens Otto“ (1962), in dem es um Richard Sorge (1895–1944) geht, der in diesen Zwischenkriegsjahren als deutscher Journalist in Japan für die Sowjetunion spionierte, akzentuiert er besonders auch die Rolle von Sorges japanischem Mitarbeiter Hozumi Ozaki (1901–1944). Hier wird berichtet, warum der Autor Anfang der 60er Jahre unter dem Aspekt des Nationalgefühls gerade diese Spionage-Affäre erneut aufgriff.
Schreiben und Übersetzen bei Yoko Tawada und Heinrich von Kleist
Yui Toshiyuki (Tokyo)
Für Yoko Tawada, die in japanischer und in deutscher Sprache ihre Texte schreibt, hat die Übersetzung eine konstitutive Bedeutung. Das heißt aber nicht bloß, dass ihre Texte viel übersetzt werden, sondern vielmehr, dass bei Tawada das Schreiben selbst als eine Art Übersetzen erfasst wird. Wie der Zusammenhang von Schreiben und Übersetzen in Tawadas Texte reflektiert wird, soll im Zentrum meiner Untersuchung stehen. Um Tawadas Konzept des Übersetzens herauszuarbeiten, möchte ich dabei auch einige Texte Heinrich von Kleists erwähnen, der, nach Tawada, die Fähigkeit besitze, „eine Übersetzung ohne Original zu schreiben“.
Übersetzungen von Natsume Sōsekis „Ich der Kater“ im
Vergleich.
Versuch einer transkulturellen Lektüre
Franz Hintereder-Emde (Yamaguchi)
Was ist transkulturelle Lektüre? Wie lassen sich Übersetzungen
literarischer Texte für das literatur- und kulturwissenschaftliche Verständnis
fruchtbar machen?
Am Beispiel von Natsume Sōsekis
„Ich der Kater“ („Wagahai wa neko de aru“, 1904–06) und seinen Übersetzungen
ins Englische, Französische und Deutsche sollen anhand konkreter Analysen
Thesen für eine theoretische Bestimmung der Eingangsfragen formuliert werden.
Mit jeder Übersetzung, so die
Annahme, werden Bedeutungsschichten freigelegt, die mit der Lektüre des
Originals allein nicht gehoben werden können. Die Betrachtung eines Textes
unter Einbezug seiner Übersetzungen stellt eine kulturell erweiterte Lektüre
dar, die neue Formen des Zugangs im transkulturellen Sinn ermöglicht.
Das Erscheinen und das Verschwinden der „Fu“ Sprache in Japan
Kanaya Toshikatsu (Kahoku)
Die „Fu Sprache“ war die „Preußen Sprache“, die in Japan von 1861 bis 1871 gebraucht wurde. Willhelm der Erste wurde König des Staates Preußen im Januar 1861. Der Staat Preußen und der Staat Japan schlossen einen Freundschafts-Handelsvertrag 日普修交通商条約 im selben Monat ab. In Japan gab man dem Staat Preußen (Fu-koku) zwei chinesische Schriftzeichen 普, 宇 und ebenso der Sprache des Staates Preußen Fu-go 普語, 宇語. Im folgenden werden die Bücher vorgestellt, die in Japan über Fu-go verlegt wurden: (1) „Fu-go-sen“ 普語箋 wurde von Yukichi Nakamura 中村雄吉 1871 übersetzt; (2) „Shuchin-Fugo-yakushou“ 袖珍宇語訳裳 (Deutsch-Japanisches Taschenwörterbuch) von Nagasaki 長崎 1872; (3) „Fu-wa-shuuchin-jisho“ 宇和袖珍字書 (Deutsch-Japanisches Taschenwörterbuch), das von Oda, Fudjii und Sakurai 1872 geschrieben wurde und vom Sanshusha Verlag 1981 neu gedruckt wurde.
Frieden
und Krieg von 1811.
Fouqués „Undine“ und Kleists „Wassermänner und Sirenen“
Oguro Yasumasa (Fukuoka)
Das literarische Erzählen entsteht in der Herausforderung, die Fremdheit in der Sprache einzufangen, obwohl sie oft unentziffert bleibt. Diese unermüdlichen Bestrebungen sind mit dem Prozess einer Übersetzung gleichzusetzen, die sich zweiteilt: zum einen in eine freie Übersetzung, die das Unbekannte traumhaft-phantastisch zum Ausdruck zu bringen versucht, zum anderen in eine wörtliche Übersetzung, die das zu Übersetzende begrifflich-systematisch in die verstandesmäßige Sprachordnung einzuordnen versucht. Während in einer ‚glatten‘ Übersetzung Frieden zwischen Eigenem und Anderem herrscht, stehen in einer ‚harten‘ Übersetzung das Eigene und das Fremde im ständigen Krieg. In Fouqués „Undine“ erreicht die ‚glatte‘ Übersetzung ihren Höhepunkt, wobei sich Landmann und Wasserfrau versöhnen; Kleists „Wassermänner und Sirenen“ hingegen folgt der Tradition einer ‚harten‘ Übersetzung, wobei Landmann und Wasserfrau aufs Neue in einen Kampf geraten.
Aufgeklärte
Volkskultur
Der Funktionswandel der Volksliteratur
durch R. Z. Beckers Volksaufklärung
Taguchi Takefumi (Fukuoka)
Der Vortrag behandelt die Volksaufklärung, die R. Z. Becker am Ende des Aufklärungszeitalters entwickelte. Becker verfasste mit seinem „Noth- und Hülfsbüchlein für Bauersleute“ (1788) eine literarische Lebensanleitung, die den armen Leuten anhand beispielhafter Erzählungen mit pragmatischen Lehren beibringen sollte, wie sie ein vernunftgemäßes Leben führen können. Dabei ahmte Becker die gewöhnliche Literatur des Volkes (wie Kalender oder Volksbücher) nach, damit die rückständige Landbevölkerung die aufgeklärte Lebensart leicht verstehen und sie ohne Schwierigkeiten in die Praxis umsetzen konnte. Vom literaturgeschichtlichen Gesichtspunkt aus betrachtet, veränderte Becker die soziale Funktion der Volksliteratur und gab in indirekter Weise Anstoß zu einer romantischen Würdigung des Volkes.
Der Begriff des „Irren“ im Werk Eichendorffs
Mizumori Aki (Fukuoka)
Es ist das Ziel meines Vortrags, am Beispiel des Begriffs „irre“ darzustellen, wie sich Eichendorffs Poetik bis zu Dichter und ihre Gesellen, der als Höhenpunkt seiner Dichtung angesehen werden kann, entwickelt. Zum einen ist in Eichendorffs Dichtung die diesseitige Welt nichts Heimisches, sondern wird als der Fremde vorgeführt. Zum andern ist das Adjektiv „irre“ mit Tönen verknüpft, wozu auch die Stimmen der Wasserfrauen, als das Unsichtbare, nur Hörbare zählen. Diese „irren“ Töne sind zwar ein Ausdruck für die Unmöglichkeit, die romantische „Natursprache“ zu übersetzen, aber auch ein Ausdruck der Hoffnung des Dichters, etwas aus der „Natursprache“ entnehmen zu können.
Wohin
steuert die interkulturelle Forschung in China?
Eine Analyse zu Entwicklungstendenzen und Problemen
Zhu Xiaoan (Luoyang)
Der vorliegende Beitrag gilt als eine Analyse zu der interkulturellen Forschung in China, wobei zuerst ein kurzer Überblick über die Forschungsgeschichte vorgestellt wird und dann über die Themenbereiche, Entwicklungstendenzen und Probleme der interkulturellen Forschung diskutiert wird.
Man kann die chinesische interkulturelle Forschung in drei Entwicklungsphasen einteilen, nämlich die kontrastiv-linguistisch ausgerichtete Forschung, die kultur-linguistisch fundierte Forschung und die interdisziplinär geprägte Forschung. Die Themenbereiche der auf der Theorie der interkulturellen Kommunikation basierenden Forschung in China haben eine schrittweise vorgehende Entwicklung erlebt und erstrecken sich von den einzelnen kontrastiven Untersuchungen zu deutschen und chinesischen Sprachphänomenen über die interkulturellen Forschungen von Sitten und Gebräuchen, der Denk- und Verhaltensweise auf die interdisziplinären Forschungen der Philosophie, der Gesellschaft und der Wirtschaft. Trotz einer Reihe von Forschungsergebnissen und Erfolgen bleiben noch manche Fragen offen, die ich auch in dem vorliegenden Beitrag zu analysieren versuche.
Ethnozentrismus in der
Übersetzung.
Historischer Kontext und die Analyse der heutigen Tendenz
Ahn Mi-Hyun (Seoul)
Der sogenannte Ethnozentrismus in der Übersetzung bedeutet eine Übersetzungshaltung, die mehr Gewicht auf den Zieltext als auf den Ausgangstext legt, wobei andere Kulturen oder deren Produkte häufig auf der Grundlage eigener Werte und Normen bewertet werden. In diesem Referat wird untersucht, wie der Ethnozentrismus in der Übersetzungsgeschichte, aber auch heute funktioniert hat. So werden hier die Übersetzungstheorie und -praxis der Deutschen in der ersten Hälfte des 20. Jhs. untersucht, wie sie die fremden Texte und Kulturen zu eigen gemacht haben, was für Ideologien darauf gewirkt, zu welchen Folgen sie geführt haben etc.
Was
bleibt denn nun eigentlich von der Dichtung nach dem Übersetzen,
was bleibt zurück?
Maria E. Brunner
(Schwäbisch
Gmünd)
Was bleibt denn nun eigentlich von der Dichtung nach dem Übersetzen, was bleibt zurück, was bleibt übrig? Wobei alle diese Fragen eine vertrackte sprachliche Doppeldeutigkeit haben, kann man doch immer zweierlei verstehen, kann von zwei Seiten darauf schauen, nämlich entweder: Was kann man beibehalten, retten, bewahren, herüberholen?, oder aber, von der anderen, der melancholischen Seite her betrachtet: Was bleibt zurück, was ist uneinholbar, unerreichbar, unübertragbar? Eine Position der Übersetzungskritik lautet ja: Das wahrhaft Poetische ist all das, was ich beim Übersetzen nicht retten kann. Aber das ist doch eine puristisch-pessimistische Extremposition, die allenfalls ihren heuristischen Wert haben mag, also beim Nachdenken weiterhilft. Welche Wege es bei literarischen Übersetzungen gibt, soll an der Prosa-Übertragung der sizilianischen Trilogie von Vincenzo Consolo ins Deutsche gezeigt werden.
Worttreue oder Äquivalenz?
Aizawa Keiichi (Tsukuba)
Übersetzung ist ein Ort des Zusammenprallens zweier Kulturen. Je größer die Fremdheit, desto mehr wird durch Übersetzung die Zielsprache verzerrt, was je nachdem positiv oder negativ bewertet werden kann. Eindeutig zu verurteilen ist jedoch die zumindest in Japan hartnäckig verbreitete Übersetzungshaltung, als ob der bestimmte übersetzungstypische Stil im Namen der korrekten, direkten oder gar originaltreuen Übersetzung nicht nur geduldet und gerechtfertigt, sondern vor allem im didaktischen Kontext oft als Musterstil beigebracht wird. Mit dem Stichwort „Äquivalenz“ soll die Ideologie der sogenannten „Wort-für-Wort-Übersetzung“ kritisiert werden, die allzu oft das Nicht-wahrnehmen-können des eigenen Nichtverstehens zur Folge hat.
Begriff der Übersetzung bei J. G. Herder
Shimada Yoichiro (Fukuoka)
Für Herder muss ein Übersetzer „zugleich Philosoph, Dichter und Philolog“ sein. Er soll zuerst sich auf den Gegenstand der Übersetzung über/setzen, um wie Philolog den Gegenstand sachlich zu kennen und wie Philosoph den Sinn zu verstehen. Der Übersetzer müsse selbst ein schöpferisches Genie sein, das zuletzt dem Original eine Genüge tue. Herder fordert also vom Übersetzter eine dichterische Gabe. Sein Begriff der Übersetzung gründet sich auf seine Erkenntnislehre, die den Akt des menschlichen Erkennens für eine „Poetik“ hält. Die Übersetzung beschränkt sich deshalb bei Herder nicht auf den Bereich der Literatur, sondern bezieht sich auch auf geschichtliche und kulturelle Phänomene.
Übersetzungstheorie W. v. Humboldts
An Cheung-O (Seoul)
In dieser Arbeit geht es um die Theorie des Übersetzens bei W. v. Humboldt. Dafür schauen wir zuerst die sprachphilosophischen Ansätze W. v. Humboldts an, die in seinen verschiedenen Aufsätzen erscheinen, z. B. was er unter dem Begriff „Sprache“ versteht, wie er den Gegenstand Sprache untersucht hat, usw. Danach schlagen wir in seinem Aufsatz „Einleitung zum Agamemnon“ nach, um zu schauen, wie er zum Übersetzen steht.
Nach ihm ist Sprache kein kommunikatives Mittel, sondern ein Mittel, mit dem der Mensch etwas Neues erkennt, sucht und benennt. Daher sollen alle Sprachen immer unterschiedlich sein. Denn jedes Individuum oder jede Sprachgesellschaft (Sprachgesellschaft entspricht dem Begriff „Nation“ im Sinne Humboldts) nähert auch auf verschiedene Weise der Welt und den Sachverhalten. Dementsprechend schreibt er folgendes: „Ihre Verschiedenheit ist nicht eine von Schaellen und Zeichen, sondern eine Verschiedenheit der Weltansichten selbst.“ (IV:28)
Diese Stelle macht wieder fest, dass Sprache ein erkennendes Mittel ist. An anderer Stelle schreibt er etwas Ähnliches: „Durch die gegenseitige Abhängigkeit des Gedankens, und des Wortes von einander leuchtet es klar ein, dass die Sprachen nicht eigentlich Mittel sind, die schon erkannte zu entdecken.“ (IV:27), „[…] jede mit der ihr einwohnenden Kraft, das allen gemeinschaftlich vorliegende Gebiet in das Eigentum des Geistes umzuschafen.“ (IV:420)
Diesen Zitaten zufolge hat jede Nation eine ihr eigene Weltansicht hervorgebracht. Also, anders gesagt, die Vorgänge, in denen ein Gedanke durch Sprache gebildet wird, sind verschieden. „Das Denken ist aber nicht bloss abhaengig von der Sprache ueberhaupt, sondern, bis auf einen gewissen Grad, auch von jeder einzelnen bestimmten.“ (IV:21)
Diesem Gedanken Humboldts zufolge scheint es unmöglich, von einer Sprache in eine andere Sprache zu übersetzen. Wenn wir aber die „Einleitung zum Agamemnon“ lesen, können wir genau begreifen, welchen Zusammenhang es zwischen seiner Übersetzungtheorie und seinem Sprachgedanken gibt.
In der „Einleitung zum Agamemnon“ schreibt er, dass die wichtigsten Eigenschaften, die ein Übersetzer bei seiner Arbeit zu beweisen hat, „Treu und Einfachheit“ sind. Das heißt, ein Übersetzer soll dem Original treu bleiben und die übersetzten Sätze einfach sein. Nach ihm ist eine merkliche Veränderung des Originals bei der Übersetzung nicht zu erlauben. Er betont bei der Übersetzung den Unterschied zwischen der Fremdheit und dem Fremden. „Mit dieser Ansicht ist freilich notwendig verbunden, dass die Uebersetzung eine gewisse Farbe der Fremdheit an sich traegt, aber die Graenze, wo dies ein nicht abzulaeugnender Fehler wird, ist hier sehr leicht zu ziehen. Solange nicht die Fremdheit, sondern das Fremde gefuehlt wird, hat die Uebersetzung ihre hoechsten Zwecke erreicht.“ (Einleitung zum Agamemnon)
Aber nach ihm ist eine vollständige Übersetzung unmöglich, denn Übersetzungen sind Arbeiten, welche den Zustand der Sprache in einem gegebenen Zeitpunkt, wie an einem bleibenden Maßstab, prüfen, bestimmen, und auf ihn einwirken sollen, und die immer von neuem wiederholt werden müssen, als dauernde Werke. (Vgl. VIII:137)
Diese humboldtsche Ansicht der Übersetzung ähnelt dem Gedanken, der von Nida aufgestellt wurde. Nida schreibt, dass es zwei Sorten von Übersetzungen gibt: Eine ist die formale Übersetzung, die andere ist die dynamische Übersetzung. Diese dynamische Übersetzung soll nach ihm folgendes sein: „A translation of dynamic equivalence aims at complete naturalness of expression, and tries to relate the receptor to modes of behaviors relevant within the context of his own culture.“ (Nida 1964:159)
Schließend können wir sagen, Übersetzen überhaupt bei Humboldt ist zwar eine dynamische Übersetzung im Sinne von Nida, aber sie ist nicht ein festes Werk, sondern ein dauerndes Werk, das immer wieder verbessert werden soll.
Sektion 2 Sprachenpolitik und Transkulturalität
Sprachenpolitik
des Deutschen Kaiserreichs
als Grundlage der japanischen Kolonisierung Asiens in der Zeit 1910–1945
Nakajima Kazuo (Fukuoka)
Die
Meiji-Restauration von 1868 bereitete die Grundlage für eine
nationalidentitätstiftende Sprachpolitik, die mittels einer konstruierten Überlegenheit
Japans gegenüber Asien die Illusion vom Japanischen als einer anderen
asiatischen Sprachen „überlegenen Sprache“ herausbildete. Bei dieser sog.
„Sprachmodernisierung“ spielten zwei japanische Linguisten eine große Rolle,
die im Deutschen Kaiserreich studiert hatten und von dort neue
sprachwissenschaftliche Theorien nach Japan mitbrachten: Gerade damals
verfolgte das Kaiserreich den Polen gegenüber eine dezidiert nationalbewusste
Sprachpolitik, die richtungsweisend für eine „Sprachverbreitung“ des
Japanischen in Asien werden sollte. In diesem Referat werde ich skizzieren, aus
welcher wissenschaftlichen Position heraus die beiden Linguisten zur
Legitimierung Japans „modernisierter“ Sprachpolitik beitrugen.
Die
koreanische Medienrevolution von König Sejong
Hirai Toshiharu (Seoul)
König Sejong (15. Jhdt.) ist bekannt als der Erfinder des Hangeul, des
koreanischen Alphabetes, das auf Grund einer Tonformalisierung entwickelt
wurde. Man bekam erst dadurch ein Mittel, akustische Informationen visuell festzuhalten.
Zuvor gab es keine
koreanischen Buchstaben, und alle Informationen wurden auf chinesisch
geschrieben und festgehalten. Es gab daher eine Mauer zwischen der herrschenden
Klasse, die die chinesische Schrift beherrschte, und den anderen Klassen.
Aus dieser Perspektive kann man König Sejongs Erfindung des Hangeul als Medienrevoltion bezeichnen. Im Vortrag wird erläutert, wie König Sejong diese Medienrevoltion förderte.
Die
Schweiz – ein ideales Beispiel der multikulturellen Gesellschaft?
Masumoto Hiroko (Kobe)
Die viersprachige Schweiz gilt weltweit als „Meisterwerk der Vielfalt in der Einheit“ (Bernard Crettaz), als ein erfolgreiches Beispiel für das friedliche Zusammenleben verschiedener Kulturen. Friedrich Dürrenmatt (1921–1990), der in seinem literarischen Schaffen oft sein Heimatland thematisiert, sieht in der Schweiz eine sehr moderne Staatsform, sogar eine Art Modell für Europa. Dabei räumt er zwar ein, dass die Schweiz ein multikulturelles Land ist, aber er behauptet gleichzeitig, das Zusammenleben der vier verschiedenen Kulturen sei ein Märchen: „Man lebt nebeneinander, aber nicht miteinander.“ Im Vortrag wird die kritische Sicht Dürrenmatts auf die Mehrsprachigkeit und Multikulturalität der Schweiz dargestellt und analysiert.
Kultur
und Identität im kleinen Staat. Das Beispiel: Liechtenstein
Artur Stopyra (Warschau)
Liechtenstein – das kleinste deutschsprachige Land – assoziiert man vor allem mit den dort mitunter ausbrechenden Finanzaffären. Die literarische und kulturelle Szene des Kleinstaates ist für die meisten Germanisten und Deutschlehrer ein „weißer Fleck“. Die Vernachlässigung oder sogar Vermeidung Liechtensteins in den germanistischen Studien ist unbegründet. Im Germanistikstudium sollten literatur- und kulturwissenschaftliche sowie landeskundliche Themen aus allen vier deutschsprachigen Ländern (DACHL-Ländern) ausgearbeitet werden. In meinem Beitrag möchte ich Liechtenstein – das „unbekannte“ Land zwischen Grüezi und Servus – als Kulturstaat schildern sowie die wichtigsten kulturellen Charakteristika Liechtensteins (Dialekt, Brauchtum, Monarchie, Landesgeschichte, geografische Merkmale, Religion, Musik, Pfadfinderbewegung, Volkstheater, Kunst, Umweltschutz und Finanzdienstleistungen) als Themen literarischer Texte liechtensteinischer Autoren darstellen.
Verwaltung und Verwaltungssprache
Hans-R. Fluck (Bochum)
Verwaltung ist nach N. Luhmann ein spezialisiertes System zur ‚Herstellung bindender Entscheidungen‘. Diese Entscheidungen werden in schriftlicher Form, die als Verwaltungssprache anzusehen ist, fixiert. Verwaltung und Verwaltungssprache sind heute eine internationale Erscheinung. Der Beitrag geht nach einer kurzen historischen Skizze auf die Struktur der gegenwärtigen deutschen Verwaltungssprache ein. Er zeigt ihre Funktionsorientierung, konzentriert sich vor allem aber auf ihre Schwachstellen und Defizite, die unter anderem zu mangelnder Verständlichkeit und fehlender Serviceorientierung führen. Am Beispiel des Bochumer Projekts IDEMA (Internet-Dienst für eine moderne Amtssprache, http://www.rub.de/idema) werden Möglichkeiten – auch sprachübergreifend – vorgestellt und diskutiert, wie verwaltungssprachliche Texte optimiert gestaltet werden können.
Sprache und Weltsicht
Wang Min (Nanjing)
Die Diskussion über die Beziehungen zwischen Dingen und ihren Bezeichnungen/ihren Namen im Rahmen der Interkulturalität ist von besonderer Bedeutung. Denn das, worauf Zeichen einer ganz bestimmten Sprache verweisen, worauf sie sich beziehen, ist nicht in allen Sprachen gleich. Eine bestimmte Sprache und demzufolge auch die wissenschaftliche Beschreibung dieser Sprache muss immer im Zusammenhang mit der jeweiligen für sie ganz spezifischen Kultur gesehen werden. Diese Einsicht ist von eminenter Wichtigkeit für die Völkerverständigung. Denn zwar ist der semiotische Prozess, das Bezeichnen und das Verfügbarmachen von Dingen, Sachverhalten, Relationen immer gleich, aber das Wie und das Was, ist von Sprache zu Sprache und damit von Kultur zu Kultur unterschiedlich, d. h. die unterschiedliche sprachliche Repräsentation von dem, was wir hier einmal Wirklichkeit oder Sein nennen wollen, unterscheidet die Kulturen und damit unsere Weltsicht.
Konzept
„Seele“ in verschiedenen Welt- und Sprachbildern
aus der Perspektive der Transkulturalität und der Identität im neuen Licht
(am Beispiel der deutschen, japanischen, englischen und russischen
Phraseologismen und Parömien (Sprichwörter)
mit der gleichnamigen Komponente)
Sinaida Fomina (Woronesh)
In meinem Beitrag wird Versuch unternommen, das Konzept „Seele“ als ein transnationales, kulturelles Phänomen am Beispiel der deutschen, japanischen, englischen und russischen Sprachen aus mehreren Perspektiven zu betrachten, um universale (transnationale) und identische (kulturspezifische) Merkmale des Konzeptes „Seele“ in den genannten Sprachkulturen festzustellen zu vermögen. Es werden beispielsweise folgende Richtlinien in Betracht gezogen: der etymologische Aspekt des Phänomens „Seele“, seine semantischen Besonderheiten, die Spezifik der Metaphorik des Konzeptes Seele, ethnokulturelle Färbung des zu analysierenden Begriffs, seine philosophisch-ästhetische Charakteristik (je nach der oben genannten Sprachkultur), kognitive Konstituenten der Architektonik des Konzeptes „Seele“ u. a.
Umwelt als Thema im Sprachunterricht
Jürgen Wittstock (Tokyo)
Deutsch als Kultur-
und Wissenschaftssprache? Deutschland führt in der Ökologie, der Begriff wurde
von Ernst Haeckel, einem Deutschen, geprägt. Wissenschaftliches Interesse
motiviert zum Deutschlernen und erhält somit die internationale Bedeutung der
Sprache. Schon seit über zehn Jahren arbeite ich als Dolmetscher und
Firmenberater für deutsche Firmen, hauptsächlich im Umweltbereich. Dieses
zweite Tätigkeitsfeld stimulierte meine Lehrtätigkeit durch erfreuliche
Synergieeffekte, ich wurde von den Universitäten Keio und Rikkyo mit
Lehrveranstaltungen zum Thema „Fachsprache Umwelt“ betraut. Die Erfahrungen aus
diesen Veranstaltungen möchte ich in meinem Vortrag schildern.
Sektion 3A Alteritäten/Identitäten im Wandel
Ein fremdes Bild für Freundschaft bei C. F. Weiße:
die „edle Wildin“ in „Die Freundschaft auf der Probe“
Kobayashi Ekiko (Niigata)
In diesem Stück (1767) geht es um Männerfreundschaft und Frauenfreundschaft. Im Mittelpunkt der Freundschaftschema steht eine junge Indianerin, Miss Corally, die aus Amerika mitgenommen wurde. Die „edle Wildin“ ist damals ein bevorzugtes Motiv. Obwohl die Idee stark von der französischen Aufklärung beeinflusst ist, ist der Handlungsort ein Landhaus in England. Die Edelmütigkeit und Tugendhaftigkeit der Indianerin zieht die Engländer an und klärt die Missverständlichkeiten in der Freundschaft in der Idylle auf. Die Behandlung der Indianer in der englischen Geschichtsrealität war natürlich anders. Gegen die Erwartungen des Publikums wird die Freundschaft in der Umgebung der „edlen Wildin“ geprüft und die Toleranz mit Liebe aufgezeigt.
Leben
oder Tod: Alexander von Humboldts und Joseph Conrads
Wahrnehmung des tropischen Urwaldes
Engelhard Weigl (Adelaide)
Alexander von Humboldt hat als einer der bedeutendsten Transculturatoren (M. L. Pratt) unser Bild vom tropischen Urwald bis heute geprägt. Humboldts Aufwertung der unkultivierten Natur der Tropen vollzieht sich über eine diametrale Umwertung der Wertschätzungen des 18. Jahrhunderts. Fülle im Übermaß, Kraft und Jugend wird der unberührten Natur unter dem Äquator nachgesagt, alles ist Steigerung der dem Europäer bekannten Natur. Natur wird zum unendlichen Fluchtraum gegen die Enge einer vom überalterten Feudalismus geprägten Welt. Hundert Jahre später beschwört J. Conrad die Nachtseite des kolonialen Projekts mit den Begriffen der Dunkelheit und des Todes. In der Wahrnehmung der Wildnis werden die Glücksverheißungen weltsetzender Einbildungskraft um 1800 ebenso sichtbar wie ihr Zusammenbruch um 1900.
Sinnliche Erfahrung zum interkulturellen Austausch
Shin Hyun Sook (Seoul)
Die über Jahrhunderte zunehmende Mobilität der menschlichen Gesellschaften hat zu einer Begegnung fremdartiger Volks- und Sprachgruppen geführt. Ein Nichtverstehen der anderen Kultur führt in der Regel zur Ablehnung, Missverständnisse können zu einer feindseligen Haltung führen. Es ist offensichtlich, dass ein Einfühlen in den Anderen, Toleranz und Neugier dem Fremden gegenüber ähnlich wichtig ist, wie das Erlernen von Vokabeln. Canetti demonstriert in den Stimmen von Marrakesch wie man sich eine arabische Kultur erschließen kann, ohne deren Sprache zu beherrschen. Er zeigt, wie er mittels intensiver sinnlicher Erfahrungen die Stadt Marrakesch und seine Menschen erlebt, kulturelle Kodierungen entschlüsselt und zwischenmenschliche Beziehungen knüpft.
Das Amerikabild bei Goethe und Kafka
Oh Soon-Hee (Seoul)
In der vorliegenden Arbeit geht es um die Neue Welt, die in Goethes Roman Wilhelm
Meisters Wanderjahre und Kafkas Der Verschollene als fiktionale
Wirklichkeit dargestellt wird. Goethes Roman endet mit dem Ende der
Auswanderungsvorbereitung nach Amerika und Kafkas Roman beginnt mit der Anreise
der Hauptperson in Amerika. In diesem Sinne scheint Kafkas Roman als eine
Antwort auf die Frage: Was wäre wohl aus Wilhelm Meister geworden? Kafka
scheint einerseits der Neuen Welt, die in der Goethezeit als ein Ort utopischer
Wunschvorstellungen fungierte, sein aus dem frühen 20. Jahrhundert stammendes
pessimistisches Amerikabild gegenüberzustellen. Andererseits besteht auch bei
Kafka eine utopische Projektion hinter dem Amerikaporträt, das sich auf den
Mythos des paradiesischen Urzustands bezieht. In dieser Hinsicht wird die
antipodische und gleichzeitig homologische Beziehung zwischen den beiden
Romanen zur Sprache gebracht.
Transkulturalität im Film.
R. W. Fassbinders Film Katzelmacher
Noh Hee-Jik (Seoul)
Bei R. W. Fassbinder sind verschiedene Themen formuliert, die den Neuen Deutschen Film bestimmend durchziehen. Sein früher Film Katzelmacher gilt als einer der ersten, an denen sich konkret die deutsche Wirklichkeit dingfest machen lässt. Fassbinder hat sich in seinen Filmen mit der Frage nach der Transkulturalität eingelassen, die sich im Blick auf die Fremden ausdrückt. Katzelmacher lässt sich im Hinblick auf die gesellschaftlichen Entwicklungen in Nachkriegsdeutschland betrachten, wobei eine reale Begegnung mit einer fremden Kultur mitschwingt. Im Film Katzelmacher findet sich ein kalt und aggressiv vorgetragenes Wirklichkeitsmodell, das durch die leblose Enge der Räume und eine erstarre Sprache charakterisiert ist. Das gilt für die Aggressivität, die sich im Verlauf des Films entlädt.
Fremdbilder in der deutschsprachigen Postkolonialen Literatur
Kadriye Öztürk (Eskişehir)
Es entstanden in der deutschsprachigen Literatur Untersuchungen über die postkoloniale Literatur. Deutsche Autoren haben begonnen über diese postkoloniale Welt in Bezug auf das Fremde zu schreiben. Dabei entstehen viele Fragen wie: Ist der Blick auf das Fremde und die Wahrnehmung des Fremden in der postkolonialen Welt gleich wie das Bild vor der kolonialen Zeit oder wie das Bild während der Kolonisation? Ich werde in diesem Beitrag zwei Autoren der deutschsprachigen postkolonialen Literatur in die Hand nehmen und die Werke von diesen Autoren analysieren: Helge Timmerbergs „Shiva Moon. Eine indische Reise„ und Hans Christoph Buchs „Standort Bananenrepublik. Streifzüge durch die postkoloniale Welt“.
Fremde beobachten Fremde.
Trojanows Der Weltensammler
Hamazaki Keiko (Tokyo)
In Ilija Trojanows Roman Der Weltensammler (2006) geht es um Richard Francis Burton, einen Entdeckungsreisenden des 19. Jahrhunderts. Bewußt ruft Trojanow heute, da der „Fremde“ als Bedrohung wahrgenommen wird, den Engländer wieder ins Leben zurück. Im Vordergrund des historischen Romans steht der abenteuerliche und kuriose Versuch Burtons, sich in die Fremde –Indien, Mekka und Afrika – hineinzuleben. Allerdings erhalten auch die Fremden um den englischen Offizier im Roman ihre eigene Stimme; sie beobachten und anthropologisieren Burton, der verkleidet bei den Einheimischen untertaucht. Die „Mehrstimmigkeit“ des Romans wird im Hinblick auf ihre kulturanthropologische Dimension überprüft.
Das Baltikum und die Sturm-und-Drang-Literatur
Imamura Takeshi (Chiba)
Die Kulturen der baltischen Region, die mit der Eroberung durch die Deutschen in die Geschichte eintrat, konnten sich durch ihre Affinität zur „Muttersprache des menschlichen Geschlechts“ (Hamann) auszeichnen. Herder säkularisierte die Vorstellungen Hamanns und provozierte dann in Deutschland eine Kultur, Sturm und Drang; Unter Herders Einfluß begann Goethe im Elsaß deutsche Volkslieder zu sammeln und Lenz verfasste, der aus Livland stammt, mehrere Schriften zur Sprachwissenschaft und -politik. Es ist das Thema des Vortrages, Lenz’ Drama aus seiner Dorpater Zeit sowie sprachwissenschaftlich und -politisch orientierte Vorträge in der Straßburger ‚Deutschen Gesellschaft‘ vor allem im Hinblick auf Herders Wirkung zu untersuchen.
Das mündliche Erzählen als eine mediale Strategie bei den
Brüdern Grimm
Murayama Isamitsu (Tokyo)
Die allgemeine Forschungsmeinung, die Grimms hätten durch die schriftliche Fixierung der Märchen sogenannte ‚Buchmärchen‘ geschaffen und somit die noch praktizierte mündliche Überlieferung beeinträchtigt, erfordert eine erneute Überprüfung. Denn ganz bewußt integrierten die Grimms, motiviert von einer kulturkritsch-utopischen Idee, verschiedene oralpoetische Elemente in die Märchen. Sie glaubten, dass die modernen entfremdeten Menschen durch die Aneignung dieser scheinbar altertümlichen ‚Naturpoesie‘ ihre ursprüngliche ‚Natürlichkeit‘ wiedergewinnen könnten. Durch die schriftliche Fixierung ‚speicherten‘ die Grimms die Märchen, jedoch mit der Absicht, sie durch Vorlesen oder Nacherzählen wieder in die mündliche Praxis zurückzuführen: Die angeblich naturnäheren Frauen sollen mit ihrer Stimme, die den Grimms als der unbewußte Träger von Sinnlichkeit, Ethik, Ästhetik sowie Geschichte und Nationalgefühl gilt, die Kinder mit Märchen wie mit Muttermilch ‚ernähren‘.
Zwei Orientalismen.
Ein Vergleich von Hauffs Almanach und Schamis Erzählungen
Choi Yun-Young (Seoul)
Die Erzählstoffe und -formen von Tausendundeiner Nacht von Scheherazade übten stellvertretend für orientalische Erzählungen einen großen Einfluss auf die deutsche Literatur aus. In meinem Beitrag werde ich zwei Beispiele vergleichen, die unter diesen Auswirkungen entstanden sind: zum einen die Märchen-Almanache von Wilhelm Hauff und zum zweiten Erzählungen von Rafik Schami, jeweils in Bezug auf ihre Kontexte und Erzählintentionen. Anhand der Texte von Hauff wird der Orientalismus im Geist der Romantik und vor allem als Fremddarstellung interpretiert, während ich Schamis Erzählungen im Zeichen der Migrantenliteratur und unter anderem als Selbstdarstellung auslegen werde. Der Schwerpunkt liegt dabei auf der funktionalen Analyse der typologischen Struktur der Rahmenerzählung.
Nacht und Flüssigkeiten in den „Hymnen an die Nacht“
Kondo Fuku (Tokyo)
Novalis’ einziger vollendeter Zyklus „Hymnen an die Nacht“ ist ein repräsentatives Gedicht der Frühromantik. Es lässt sich kaum schlüssig darlegen, dass die Hymnen der Reihe nach allmählich jeweils ein bestimmtes Thema entfalten. Vielmehr scheint es angemessener zu sagen, die Hymnen seien aus einzelnen Teilen zusammengesetzt und über die Kraft der Motive selbst in spannungsvolle Verbindung miteinander gebracht.
So betrachtet ist die Nacht ein besonders privilegiertes Motiv, das auch „Basismotiv“ genannt werden kann. In meinem Referat soll hauptsächlich die Beziehung zwischen dem Basismotiv „Nacht“ und dem der Flüssigkeit erarbeitet werden. Dabei wird auch die Rolle des Dichters in den „Hymnen“ Erwähnung finden.
Über die Problematik des Erzählens in Hesses „Demian“
Takeoka Kenichi (Kagoshima)
Hesses Roman „Demian“ scheint mit seinen Charakteren als Autobiografie und Entwicklungsroman zu den ziemlich traditionellen Gattungen zu gehören. Aber bei einer näheren Untersuchung wird feststellbar, dass sich hinter dieser oberflächlichen Banalität eine radikale Eigenschaft des Erzählens verbirgt. Die Art und Weise des Erzählens des Helden und Erzählers Sinclair ist also gar nicht „vertrauenswürdig“ und das wird wohl durch die für die moderne Literatur typische Treulosigkeit an der Sprache verursacht. So wird in diesem Referat versucht, durch die Analyse dieser Besonderheiten der Erzählweise von Sinclair, die Aktualität des Romans „Demian“ zu erklären.
Ästhetik der Ent-Territorialisierung
Park Chung-Hi (Cheongju)
Ziel dieses Vortrages ist angesichts der Beschleunigung globaler Migrationsprozesse eine ‚Literatur ohne festen Wohnsitz (also nomadische oder umherschweifende Literatur)‘ aufgrund von Bewegung, Mobilität und Dynamik zu betrachten. Diese, homogene Kulturvorstellungen hinter sich lassende Poetik beständiger Bewegung gelangt in der letzten Zeit immer mehr ins Blickfeld der Forschung zur deutschen Gegenwartsliteratur. Die Muttersprache ist bei diesen trans- bzw. postnationalen Autoren nicht zugleich ihre Literatur- und Schriftsprache. Diese Literatur bezieht sich weder auf den Vorrang einer bestimmten Nationalliteratur noch auf einen festen Punkt, sei es der Wohnsitz oder die Heimat. Vielmehr stehen hier nomadische Ortswechsel und die damit verbundenen Lebensprobleme im Mittelpunkt. Hier werden zwei Romane analysiert: Alle Tage (2004) der deutschsprachigen Schriftstellerin ungarischer Herkunft Terezia Moras und Das reiche Mädchen (2007) des rumäniendeutschen Schrifthellers Richard Wagners. Beide Autoren behandeln in ihren Texten nachdrücklich Fragen von Herkunft, Identität und Fremdheit.
Interkulturelle Elemente in den Texten Wladimir Kaminers
Shin Hye Yang (Seoul)
Wladimir Kaminer veröffentlicht als deutscher Schriftsteller und Kolumnist russisch-jüdischer Herkunft regelmäßig Texte in verschiedenen deutschen Zeitungen und Zeitschriften. Er hatte auch eine wöchentliche Sendung namens „Wladimirs Welt“ beim SFB 4 Radio Multikulti sowie eine Rubrik im ZDF-Morgenmagazin und erzielte mit der Tanzveranstaltung „Russendisko“ im Kaffee Burger einen großen Erfolg. In seinem ersten Erzählband Russendisko (2000) beschreibt er das deutsche Leben humorvoll aus der Perspektive eines Außenstehenden, der zwar eine dauerhafte Aufenthaltserlaubnis innehat, aber bei allen Bemühungen um eine Einbürgerung scheitert und in einem rechtlichen Zwischenstatus lebt. Die Thematik des Lebens im Zwischenstatus und hybrider Identitäten taucht auch in seinen anderen Texten mit eigenartig interkulturellen Elementen immer wieder auf. In der subkulturellen, fremden und minoritären Literatur eines Immigranten, der seine soziale Stellung auf keinen Fall vergessen will, werden die falschen Bilder zum Mainstream der deutschen Kultur in Frage gestellt und somit neue Transkulturalitäten versucht.
Migrationsliteratur im deutschsprachigen Raum
Tsuchiya Masahiko (Nagoya)
Der Begriff „Migrantionsliteratur“ tauchte in den 1970er in deutschen Schulbüchern auf, als Literatur von Immigranten als Lehrmittel zum Verständnis einer multikulturellen bzw. interkulturellen Gesellschaft eingeführt wurde. In den letzten 20 Jahren hat sich diese Literatur, die lange ein Peripherie- und Exotendasein führte, mit der Assimilation und Integration der zweiten Generation von Immigranten einen wichtigen Platz in der deutschsprachigen Gegenwartliteratur erobert. In diesem Aufsatz wird behandelt, welchen Beitrag zur deutschsprachigen Literaturgeschichte die Migrationsliteratur stilistisch und thematisch geleistet hat und noch leisten könnte. Es wird besonders diskutiert, ob und in welcher Form sie durch ihren neuen Stil, ihr hybrides Gefüge und ihre literarischen Verfremdungsformen den Kanon der „Nationalliteratur“ erschüttern und erneuern und somit als Maßstab einer neuen Weltliteratur gelten könnte. Diese Problematik und die Interkulturalität der Migrationsliteratur werden an den Beispielen von Texten einiger türkischer Autoren erörtert.
Die Gralssuche in der Crône Heinrichs von dem Türlin
Watanabe Noriaki (Tokyo)
In der ersten Hälfte des 13. Jh. gab es in der deutschen Literatur einen Wandel, in dem sich die Beziehung zwischen den Menschen und Gott verändert hat. Ein Beispiel dafür kann man im Unterschied der Gralssuchebeschreibungen zwischen den beiden Artusromanen, nämlich dem um 1200 entstandenen „Parzival“ Wolframs und der „Crône“ Heinrichs finden. Sie behandeln beide das Thema der Gralssuche, aber unterscheiden sich voneinander deutlich darin, dass Gral in der „Crone“ ohne jede Steigerung der Handlung durch Zufall erreicht wird, während im „Parzival“ ein unausweichliches Schicksal den Protagonisten zu lange dauernder Gralssuche zwingt und allmählich dem Ziel nähert.
Meister Eckhart: Religiöser Transfer zwischen Ost und
West
Koda Yoshiki (Tokyo)
Meister Eckhart (1260–1327) gilt als eine der bedeutendsten transkulturellen Figuren in der europäischen Geistesgeschichte. Seine Predigten wurden bereits in seiner Lebenszeit mehrmals abgeschrieben und ins Lateinische übersetzt. Von ihm wurden zahlreiche Legenden und Wundergeschichten geschrieben. Nachdem er 500 Jahre nach seiner Verurteilung wiederentdeckt wurde, haben seine Gedanken Philosophen wie Hegel, Schopenhauer, Nietzsche, Musil, Bloch und Heidegger begeistert. Nicht nur unter den europäischen, sondern auch unter japanischen Denkern findet er Resonanz. In meinem Vortrag sollen daher Texte japanischer und österreichischer Schriftsteller, die sich mit Eckhart befasst haben, herangezogen und analysiert werden, um die Aktualität seiner Mystik in ostasiatischen Ländern zu erklären.
Übersetzung als transkulturelle Tätigkeit
Hosaka Kazuo (Tokyo)
Bekanntlich besteht
für Benjamin die Aufgabe des Übersetzers darin, „die Intention auf die Sprache,
in die übersetzt wird, zu finden, von der aus in ihr das Echo des Originals
erweckt wird“. Übersetzung bedeutet also nicht, dasselbe wie im Original
wiederholt zu sagen. Wie die großen Dichtungen mit den Jahrhunderten sich
völlig wandeln, so wandelt sich auch die Muttersprache des Übersetzers.
Übersetzung ist in dem Sinn bestimmt, in das Wachstum ihrer Sprache ein-, in
der erneuten unterzugehen. In meinem Vortrag geht es darum, zu skizzieren, in
welcher Struktur beim Übersetzen das Original sich wandelt, um dann eine neue
Identität zu errichten.
Sektion 3B Alteritäten/Identitäten im Wandel
Bildungsroman als das Selbstbildnis des Modernen
Kitahara Hiroko (Sapporo)
In dieser Arbeit geht es um den „Bildungsroman“, aber nicht um die Romane, die bisher „Bildungsroman“ genannt wurden, sondern um den Begriff an sich. Wenn man die Verwendung der Terminologie „Bildungsroman“ in den bisherigen Arbeiten genauer analysiert, stellt sie keine bestimmte Romangattung dar, sondern kommt der Vorstellung über einen idealen Roman seit der Mitte des 18. Jahrhunderts gleich. Der Bildungsromanbegriff entstand aus dem Missverständnis der Romantheorie im 18. Jahrhundert, welches die Angst des Modernen hervorbrachte und im Laufe der Jahrhunderte festgelegt wurde. Darin spiegelt sich das ideale Selbstbildnis, wonach die Romankritiker als die Modernen Sehnsucht empfanden.
Rotpeters
Identitätswechsel.
Über Kafkas Ein
Bericht für
eine Akademie
Kim Choong Nam (Seoul)
Dieser Vortrag behandelt den Identitätswechsel des Protagonisten der Kafkaschen Erzählung Ein Bericht für eine Akademie vom Tier zum Menschen, also Rotpeters Verwandlung vom Natur- zum Kulturwesen (Varietékünstler). In diesem Zusammenhang erschließt sich auch eine Form von Transkulturalität, die im Bewusstsein Rotpeters zu verorten ist.
Von den bisherigen verschiedenen Interpretationen dieser Erzählung erscheint mir der Deutungsansatz von Max Brod, der den Text als Satire auf die Assimilation der Juden liest, am plausibelsten, wenn man die textimmanenten Bezüge und die damaligen Zeitverhältnisse berücksichtigt.
Der Hauptteil dieser Studie legt auf diesen interpretativen Aspekt großes Gewicht. In diesem Kontext werden auch die zionistische Assimilationskritik und die Wechselbeziehung zwischen Rotpeter und der „menschlichen“ Gesellschaft bzw. den Juden und Antisemiten debattiert.
Überschreitungsmöglichkeit nach der Schönheit in Goethes Faust
Hiramatsu Tomohisa (Fukuoka)
Das Hauptthema meines Vortrags ist die Schönheit der Natur in Goethes Faust (insbesondere der zweite Teil) durch die Betrachtung des zentralen Moments der Begegnung und Überschreitung der Hauptfiguren: Helena als „die höchste Schönheit“ und Faust als „norddeutsch-mittelalterlicher Mann“. Dabei hilft einer seiner Hauptbegriffe aus der Farbenlehre: „das Trübe“. Im Trüben erscheint und verlöscht die Naturerscheinung der Schönheit; es können die beiden Figuren so bunt und dramatisch sich miteinander formen und umformen. Aber kann man eigentlich die Schönheit ergreifen? Wenn man sie erkennt, wie wirkt sie auf den Seher? Anschließend geht es um die Beziehung zum Erlösungsproblem des Fausts als Überschreitungsmöglichkeit.
Das performative Spiel mit multiplen Identitäten im
digitalen Zeitalter
Goak Jeang-Yean (Seoul)
Im Cyperspace ist das multimediale, interaktive, körper- und emotionsbetonte sowie von Geschlecht, Alter und Nation usw. befreite performative Spiel mit Identitäten durch relative Anonymität und Offenheit sowie künstliche Stellvertreter wie Avatar und Bot begünstigt. Der User kann in den jeweiligen Situationen beliebig mit multiplen Identitäten agieren, mit einem anderen User mit einer inszenierten Identität interagieren und eine neue Identität konstruieren. Das Spiel mit Identitäten kann man sowohl in der Kunstszene als auch in der unterhaltenden populären Kultur beobachten, was in Zusammenhang mit dem postmodernen Zeitgeist steht.
In meinem Vortag stelle ich verschiedene performative Spiele mit Identitäten im digitalen Medium vor und analysiere deren philosophische und psychoanalytische Hintergründe aus postkolonialer Perspektive. Darüber hinaus gehe ich auf positive sowie negative Folgen der Identitätspiele ein. Damit möchte ich einen Diskussionsraum für die Möglichkeit der transkulturellen Identitätskonstruktion eröffnen.
Über
die Leiche des Vaters.
Zur Korrelation zwischen Sprache und Tod
in Elias Canettis Autobiographie
Suto Haruko (Chiba)
Als „Den Tod-Feind“ bezeichnet man Elias Canetti (1905–1994) wegen seiner rigorosen Kritik der Sterblichkeit. Seine Stellungnahme lautet: man soll den Tod niemals vergessen, jedoch auch ihm jederzeit Widerstand leisten. Dieser Vortrag beschäftigt sich mit der Trilogie seiner Autobiographie „Die gerettete Zunge“ (1979), „Die Fackel im Ohr“ (1982) und „Das Augenspiel“ (1988), um die Ereignisse, die seinen Widerstand gegen Tod ausgelöst haben, zu veranschaulichen. Obwohl die drei Werke eigentlich seine eigene Lebensgeschichte schildern, wird diese vom Tod der anderen, insbesondere dem seines Vaters, überdeckt. So sind vor allem die traumatischen Erlebnisse bei Canetti mit dem Besitz der Sprache eng verbunden und konstruieren gleich seine Identität.
Stilleben/Natura
morta als Stilprinzip.
Zu den Todesritualen in Josef Winklers jüngstem Text Roppongi
Yamamoto Hiroshi (Tokyo)
In der vom Thanatos ohnehin schon besessenen österreichischen
(Nachkriegs-)literatur beanspruchen die Texte Josef Winklers mit ihrem
homoerotischen Beigeschmack noch einen besonderen Platz. Winlers jüngstes Werk Roppongi, in welchem er nach dem Tod
seines verhassten Vaters endlich mit den Obsessionen seiner Kindheit und so mit
der wilden Kärnten-Thematik fertig zu
werden versucht, entfaltet nun interkulturelle Dimensionen: Todesrituale in
Asien werden als Kontrapunkte zu den westlichen-christlichen berücksichtigt. Im
Hinblick auf diese kulturellen Differenzen wird im Referat das malerische
Stilprinzip von „Stilleben/Natura morta“ untersucht, das Winkler an Stelle des
dichotomisch-chronologischen Prinzips entwickelt hat, um das aus der modernen
Gesellschaft ausgegrenzte Sterben zur Schau zu stellen.
Grenzgängertum.
Zu Ingeborg Bachmanns Spätwerken
Oki Sayaka (Tokyo)
Ingeborg Bachmann (1926–1973) aus dem südlichen Kärnten ist österreichische Schriftstellerin, die in ihrem Leben oft den Wohnsitz zwischen Wien, München, Neapel, Zürich, Berlin und Rom wechselte. Bachmann ergreift das Wort beim Interview im Jahre 1969 hinsichtlich ihres letzten Umzugs, selbstgewählten Exils nach Rom. Dabei reflektiert sie über ihr Doppelleben, „schizophrene Art zu leben“.
Neben dem biographischen Faktum, Bachmann als Grenzgängerin, wird ihre späte Prosa, vor allem der in Rom verfasste Erzählband „Simultan“ im Hinblick auf flexible Persönlichkeit untersucht. Die dabei auftauchende Erkenntnisskepsis gegenüber der Massengesellschaft lässt sich im Zusammenhang mit demselben Zeitraum edierten Roman „Malina“ in Todesarten-Zyklus entnehmen.
Georg oder Zur Kritik der Gewalt in postmoderner Erzählliteratur
Christine Ivanović (Tokyo)
Als christliche Erlöserfigur und Herrschersymbol repräsentiert der Drachentöter Georg transnational zugleich die prinzipielle Notlage der abendländischen Kultur, welche um ihres eigenen Fortbestands willen die gewaltsame Unterdrückung des Anderen legitimiert. Im Kontext von Benjamins Essay Zur Kritik der Gewalt will das Referat anhand einiger Paradigmen aus der zeitgenössischen Erzählliteratur (Heim, Timm, Schulze, Duden, Tawada, Sorokin) zu zeigen versuchen, in welche Tiefenschichten der Konstruktion solcherart zum Symbol verdichteter Bilder die literarische Bearbeitung vordringen kann, wenn sie deren Funktionen und Funktionalisierungen über ihren Inhalt hinaus und jenseits eines kritischen Diskurses im herkömmlichen Sinne reflektiert.
Kreisen
um die sakrale Mitte:
Zu einem Bildkomplex in Rilkes Werk
und dem zeitgenössischen Diskurs um den „Reigen“
Yamaguchi Yoko (Nagoya)
Dass der Tanz in der europäischen Moderne „Grundmuster ihrer Ästhetik“ verkörpere und damit zum „Schlüsselmedium aller Künste“ geworden sei, ist seit den 90er Jahren in den unterschiedlichen Forschungsbereichen vielfältig dargelegt worden.
Auch Rilke gehörte zu den Schriftstellern jener Epoche, die vom Tanz fasziniert wurden und ihn als Modell der Schöpfung verstanden. Von den frühen Schriften bis zu den „Sonetten an Orpheus“ der späten Periode kann die Entwicklungslinie der Tanzbilder als Träger seiner Poetik verfolgt werden. Dabei muss auch mit einbezogen werden, dass Rilke tatsächlich mit den Tanz- und Körperkulturbewegungen der Moderne in Berührung kam.
Ziel dieses Beitrags ist, unter den verschiedenen Tanz- und Bewegungsbildern in Rilkes Werk einen bei ihm charakteristischen Bildkomplex, den ich als „Kreisen um die sakrale Mitte“ zusammenfassen möchte, konzentriert zu analysieren und dies mit den zeitgenössischen tanz-, kultur- und repräsentationshistorischen Diskursen um den „Reigen“ in Verbindung zu bringen.
De-/Konstruktion von Eigenem, Fremdem und Gender:
Die chronotopische Modellierung in Friedrich Schillers Kabale und Liebe
und Christiane Karoline Schlegels Düval
und Charmille
Lee Shu-Ping (Taichung)
Das Augenmerk dieser Forschung liegt auf der chronotopischen Modellierung zur Interpretation der inneren Transkulturalität und Gender in Schillers Kabale und Liebe und Schlegels Düval und Charmille. Das unkanonische Drama behandelt das Thema von Frauenintimität, die mit dem Laster verbindet. Schlegels Darstellungsweise steht somit im Gegensatz zu Schillers Drama, in dem die Liebe mit der Tugend zusammenhängt. Methodologisch übernehme ich das Bachtinische Chronotop. Es erklärt die statische Modellierung der privaten Sphäre in Schlegels Drama und die dynamische Modellierung zwischen der öffentlichen und der privaten Sphäre in Schillers Drama. Schlegels statische Modellierung konstruiert einen Lasterdiskurs, der Schillers Tugenddiskurs und den Genderdiskurs herausfordert.
Juden als Fremdbilder in den Musikdramen Richard Wagners
Eguchi Naoaki (Nagoya)
Antisemitismus war ein wesentlicher Bestandteil von Richard Wagners Weltanschauung. Er propagierte nicht nur in seinen Schriften antisemitische Gedanken, sondern er schilderte auch in den Musikdramen wiederholt Personen, die ausdrücklich an Juden erinnern. Sie sind mit negativen Eigenschaften versehen, die bewältigt und beseitigt werden sollten, um die als entartet diagnostizierte Gesellschaft und Kultur zu regenerieren. Es wäre jenseits von moralischen Werturteilen zu analysieren, wie Fremd- oder sogar Feindbilder von Juden bei Wagner entstanden und welche Eigenschaften sie haben. Dabei soll vor allem Wagners Dresdener Zeit der 1840er Jahre berücksichtigt werden, weil die Wurzel seiner Judenbilder in dieser Zeit liegt.
Zigeunerromantik in der deutschen Literatur
Nobata Satomi (Tokyo)
Das fahrende Volk der Zigeuner/Roma wurde in Europa einerseits als Außenseiter streng verfolgt, war jedoch andererseits auch zu einem romantischen Motiv verklärt. Besonders die Autoren der Romantik sahen in den Zigeunern/Roma wegen der Unbeständigkeit ihres Lebens und ihres geheimnisvollen Ursprungs das Gegenbild zu einer von Regeln und Systemen beschränkten Gesellschaft. Darüber hinaus wurden die Begriffe „Freiheit“ und „Sehnsucht“ zu zentralen Elementen ihres literarischen Charakters. In diesem Vortrag werden die Darstellungen von Zigeunern vor und nach der Romantik verglichen. Es wird untersucht, auf welche Weise die Übertragung des Zigeunerbilds zur so genannten Zigeunerromantik erfolgte und welcher Denkprozess darin liegt.
Reflexionen über das geteilte Land. Christa
Wolf und Inhoon Choi
Yom Syngsup
(Daegu)
Die Problematik des geteilten Landes bleibt in Süd-Korea immer noch
aktuell, während sie in Deutschland seit der Wende 1989 im großen und ganzen
überwunden erscheint. Im Referat geht es darum, Liebe und Ideologie als ein
gemeinsames Thema bei Christa Wolf und Inhoon Choi zu behandeln und zwar
spezifisch im 1963 erschienenen Roman Wolfs, Der geteilte Himmel, und
entsprechend im 1961 erst in Buchform publizierten Roman Chois, Kwangjang (Der Platz).
Es ist interessant, zu beobachten, dass in der Moderne die Thematik des Konflikts von Leben und Kunst herausgegriffen wurde, wie es der Fall bei Henry James, Hofmannsthal oder Thomas Mann war, während in den oben benannten Romanen der Konflikt von Liebe und Ideologie thematisiert wird. Durch eine Analyse der betreffenden Werke wäre zu bestätigen, dass Liebe anstatt Ideologie im Vergleich zum Streben nach ideologischen Zielen sich letzten Endes aus dem Problemkomplex als viel menschlichere Qualität herauskristallisieren lässt.
Robert Musil und seine Transkulturalität
Katsura Mototsugu (Tokyo)
Für die Erklärung der kollektiven Identität Mitteleuropas gilt Musils „Kakanien“ als repräsentativ. Dabei wird sein Blick auf die verlorengegangene Österreichisch-Ungarische Monarchie oft mit Nostalgie gleichgesetzt, was Claudio Magris als „Habsburgischen Mythos“ erklärt. Aber Musil ist keineswegs nostalgisch, sondern er kritisierte gerade die rückblickende konservative Tendenz in Österreich der Zwischenkriegszeit, die schließlich zum Austrofaschismus führte. Seine Kritik richtete sich insbesondere an die damalige Kulturpolitik, durch die Österreich die Differenziertheit als Bestimmungsmerkmal seiner Identität ausschloss. Als Träger des Möglichkeitssinnes schrieb Musil seinen Roman für das autonome Geistesleben. Deswegen kann man im Bild „Kakanien“ eine von bestimmten Ideologien befreite vielschichtige Identität Mitteleuropas herauslesen.
Deutsche Literatur nach der Wiedervereinigung
Deutschlands
im Lichte der „transitional justice“
Chien Chieh (Taipei)
Das Anliegen der Arbeit liegt darin, anhand des Begriffs „transitional justice“ die deutsche Literatur nach der Wiedervereinigung zu untersuchen. Als literarische Beispiele werden Jurek Beckers Amanada herzlos, Monika Marons Stille Zeile sechs, Arno Surminskis Kein schöner Land, Rolf Hochhuts Wessis in Weimar und Friedrich Christian Delius’ Die Birnen von Ribbeck ins Mittelfeld gerückt. Obwohl diese Werke keine juristischen Prozesse aufzeigen, offenbaren sie alle den Prozess der Suche nach dem Sinn der Geschichte, Wahrheit und Gerechtigkeit. Symbolisch dienen sie dazu, die Geschichte zu rekonstruieren, das politisch-juristische Bewusstsein zu problematisieren, die Wahrheit zu variieren und die Wertenormen der Gerechtigkeit zu verifizieren.
Örtlichkeiten
in Peter Weiss’ Roman Die Ästhetik des
Widerstands
Tak SunMi (Seoul)
Im Roman Die Ästhetik des Widerstands stößt man immer wieder auf äußerst detaillierte Angaben und Beschreibungen der scheinbar unbedeutenden Einzelheiten und Merkmale von Orten und Städten. Die Ortsbeschreibungen sind so genau und handgreiflich, dass man sich mit deren Hilfe tatsächlich den Wegen nachgehen kann, auf die sich im Text der Ich-Erzähler und seine Mitkämpfer begeben haben. In meinem Referat handelt es sich um die genuine Erinnerungsleistung des Weissens Textes, die mit seiner ästhetischen Strategie topographischer Festlegung der kollektiven historischen Geschehnisse auf engste Weise zusammenhängt.
Über
Interkulturalität und Interdisziplinarität des Themas
„Erinnerungskultur und Vergangenheitsbewältigung“
Yanagihara Hatsuki (Kobe)
„Vergangenheit steht nicht naturwüchsig an, sie ist
eine kulturelle Schöpfung.“
(Jan
Assmann)
Im Zusammenhang mit den gegenwärtig konjunkturellen Begriffen wie Erinnerungs- u. Gedächtniskultur, d. h. „Kulturen“ des Erinnerns oder „Kulturen“ des Gedenkens sollte man die zeitlichen Veränderungen der Erinnerungskultur selbst interdisziplinär und als historisches Subjekt in Betracht ziehen, denn das kulturelle Gedächtnis verdient es durchaus, einmal in einem historischen und auch in einem interkulturellen Kontext behandelt zu werden. Die Erinnerungskultur hängt eng mit der Gesamtheit der Kultur eines Landes (d. h.: mit der politischen und juristischen Kultur, der Historiographie sowie der Identität und Schuldfragen zusammen. Daher könnte auch „die Selbstverständlichkeit eines solchen Referenzhorizontes hinterfragt werden.“ (Konrad H. Jarausch)
Erinnerung im Film.
Zu Hans-Jürgen Syberbergs Film Ein Traum,
was sonst
Arai Hiroshi (Tokyo)
Der Regisseur H. J. Syberberg drehte zwischen 1985 und 1994 die Filmserie Monologe, in der ein und dieselbe Darstellerin Edith Clever alle Figuren spielt und Texte liest. In diesem Referat möchte ich den letzten Film der Reihe, Ein Traum, was sonst (1994), der aus verschiedenen klassischen Texten besteht, von drei Aspekten her betrachten, nämlich Erinnerung, Mythos und Film. Die trauervolle Erinnerung Syberbergs an das vergangene Deutschland verschränkt sich im Film mit der Erinnerung an die eigene Kindheit. Sein Blick des Verlustes richtet sich zudem nicht nur auf die Tragödie in der deutschen Geschichte, sondern auch auf die Mythen.
Syberberg führte Monologe in zwei unterschiedenen Medien auf, im Theater und im Kino. Dieses Verfahren regt dazu an, die Unterschiede zwischen dem Theater und dem Kino zu untersuchen.
Sektion 4A Pop, Medien, Megapoleis
Absolute
Rezitationskunst?
Zur Debatte über die Rezitationskunst um 1900
Nishioka Akane (Tokyo)
Seit der Jahrhundertwende um 1900 wurde die Literaturlesung zur populären Kulturveranstaltung, indem die professionellen Starschauspieler und Kabarettisten als Rezitator auf die Bühne traten. Die Blüte der neuen Rezitationskultur, welche die Kommerzialisierung und Professionalisierung der Literaturlesung voraussetzt und sich somit wesentlich von der herkömmlichen Dichterlesung im Salon abgrenzt, veranlaßte die Kritiker zur Diskussion über das Wesen der Rezitationskunst. In diesem Vortrag werde ich anhand der zeitgenössischen Zeitschriftenartikel und Besprechungen zu zeigen versuchen, daß die Rezitationskunst um 1900 allmählich als eine selbständige Kunstgattung anerkannt wurde. Darüber hinaus möchte ich erörtern, inwieweit die Entwicklung der Rezitationskunst die Kunstpraxis der expressionistischen Avantgarde beeinflußte, die durch künstlerische Experimente mit dem Auditiven die performativen Momente der Literatur in den Vordergrund stellte.
Dada, Fluxus, Pop-Art: Ästhetisierung und Popularisierung
Choi Moon-gyoo (Seoul)
Die zwiefache Bedeutung der historischen Avantgarde liegt in der Unentschiedenheit von Ästhetisierung und Popularisierung. Das Motto der historischen Avantgarde war zwar die „Anti-Kunst“, aber durch diese wurde die Kunst keineswegs vernichtet, sondern eher potenziert und erweitert. Das heißt, mit Aufbruch und Entwicklung der historischen Avantgarde ist die moderne Kunst immer stärker herausgefordert und überlebt weiter in der Aporie von Ästhetisierung und Popularisierung. Als ein bedeutendes Beispiel kann man eine Reihe künstlerischer Bewegungen von Dada, Fluxus und Pop-Art anführen. Der feine Unterschied zwischen drei Bewegungen hängt davon ab, inwiefern und wie man künstliche, imaginierte Phänomene analysieren und interpretieren kann. Die Kunst der Post-Avantgarde stößt damit auf komplizierte Fragen, ob sie durch eine Unterbietung der Ästhetisierung zur Popularisierung neigt oder umgekehrt unter dem Deckmantel der Popularisierung die Ästhetisierung potenziert, oder ob sie die Aporie von Ästhetisierung und Popularisierung weiter verdoppelt.
Poesie
als Performanz.
Poetry Slam und Generationenbilder
Yoo Hyun-Joo (Seoul)
Seit Ende der 90er Jahren hat sich ein Wechsel der Forschungsperspektiven in der Kulturwissenschaft angebahnt. Dieser Wandel hängt mit einem veränderten Verständnis von Kultur und der damit verbundenen ‚kulturellen Kompetenz‘ zusammen. Unter kultureller Kompetenz versteht man jetzt auch aktive Handlungsleistungen. Diese Erkenntnis wird sogleich im Begriffwandel vom ‚Schreiben‘ oder ‚Dichten‘, einer der wichtigsten kulturellen Aktivitäten, transformiert. Dies bezieht sich nun auf die interaktive Aufführung selbst, wie bei Poetry Slam. Dieser Paradigmenwechsel bietet Anlass für die Erfindung einer neuen Dichter-Generation in Deutschland.
„Eine
Art Symbolik“ fürs Auge und Ohr.
Zur Visualität und Akustik in Goethes Novelle
Hattori Seiji (Gießen)
In Goethes Spätwerk Novelle sind die Visualität, die sich vor allem in der ersten Hälfte durch optische Beschreibung und visuelle Medien (Fernrohr und Bilder) manifestiert, und die Musikalität, die in der zweiten eine herausragende Rolle spielt, indem sie für das erlösend-versöhnende Finale sorgt, gegenübergestellt. Im vorliegenden Vortrag wird versucht, diesem sinnlich-intermedialen Verhältnis zwischen der visuellen Fixiertheit und dem akustischen Entgrenzungsaspekt nachzugehen. Dabei finden Goethes Musikauffassung und Tonlehre, nicht zuletzt seine ‚zeichentheoretische‘ Bemerkung zur Musik als „eine[r] Art Symbolik fürs Ohr“ (an Zelter vom 6. März 1810) besondere Berücksichtigung. Zugleich wird in diesem wahrnehmungstheoretischen Zusammenhang nach der Bedeutung des ‚Fremdheits‘-Motivs in dieser Novelle (Mohren, Türken und Schaustellerfamilie) gefragt.
Was
muss man wissen, wenn man Celans Lyrik verstehen will?
– Gezeigt am Beispiel des Gedichts „Du liegst im großen Gelausche“
Wu Jianguang (Shanghai)
Meine These: Eine textimmanente Interpretation kann für sich alleine stehen, doch wenn Informationen und Fachwissen vorliegen, so gilt die Prämisse diese für die Interpretationsarbeit heranzuziehen, diese müssen jedoch von der Interpretation differenziert werden. Als Beispiel kann Celans Gedicht „Du liegst im großen Gelausche“ herangezogen werden. Szondi zeigt uns, indem er die einzelnen Verse auf Celans Erlebnisse in Berlin zurückführt. Wir müssen uns aber in erster Linie mit der Textur, den lyrischen Merkmalen wie Reim, Metrik und Verseinheit beschäftigen und den Text nicht als eine Okkasion, sondern als ein Gedicht verstehen.
Das Unschreibbare dennoch aufschreiben.
Medialer Transfer des Glaubens in
Patrick Roths Novelle „Riverside“
Kim Ihmku (Seoul)
Patrick Roth ist
mit seiner filmästhetischen Poetik ein interessanter Autor an der Schwelle
unserer sich medial verändernden Epoche. In Deutschland wurde er in den 90er
Jahren als Autor vor allem mit seiner Christus-Trilogie bekannt. In seiner
ersten Christus-Novelle „Riverside“ thematisiert Roth, wie sich die erfahrene
Wahrheit in ihrer Ganzheit medial vermitteln lässt. Das nahe liegende Medium
der Schrift ist für ihn ein denkbar defizitäres Mittel dafür. Wie kann er aber
denn einen gelingenden Transfer just mittels seiner sich der Buchstaben
bedienenden Erzählung inszenieren? Dieser Strategie und den ihr zugrunde
liegenden Gedanken ist in meinem Referat nachzugehen.
Metropole
und Langeweile.
Zur (gescheiterten) Zerstreuungskultur der Weimarer Republik
Iwamoto Tsuyoshi (Tokyo)
Die moderne Metropole, deren Modell das Berlin in der Weimarer Zeit bietet, lässt auf Grundlage des in gewissem Maße homogenisierten und normalisierten gemeinsamen städtischen Lebensstils diverse kulturelle Differenzierungen und Fragmentierungen zu. Der Aufschwung der Zerstreuungskultur der Zwanzigerjahre, die verschiedene Vergnügungsestablishments entwickelt hat, ist als Attribut der „Weimar Culture“ vielfach angepriesen –, umso bemerkenswerter sind Siegfried Kracauers Beobachtungen einer vom Überschuss der Zerstreuungen sich langweilenden Stadtwahrnehmung, die etwa im Essay „Langeweile“ (1924) dokumentiert ist. Kracauers Expedition in die Alltagwelt der Metropole deutet auf das der kulturellen Reifezeit eigene Phänomen „Langeweile“ hin, die im epochalen Diskurs gleichermaßen zelebriert wie bekämpft wird.
„Amerika
ist ein Stück von uns.“
Tanzkultur in der Weimarer Republik
im Schnittpunkt von Amerika- und Massendiskurs
Ebine Takeshi (Osaka)
In den neueren soziologischen und kulturwissenschaftlichen Studien über die kulturelle Implikation der Globalisierung werden die Erkenntnisse herausgearbeitet, dass die Globalisierung nicht allein als einseitiger Homogenisierungsprozess zugunsten der hegemonialen Kultur verstanden werden kann, sondern einen komplexen Prozess darstellt, in dem das Globale stets lokalisiert und das Lokale über Entfremdung neu konstituiert wird. Diese Erkenntnisse der kulturellen Dynamik der Globalisierung hat eine gewisse Rückwirkung auf die historische Untersuchung der deutschen Kultur der 1920er Jahre als Protoglobalisierungsphase. In meinem Vortrag soll die Rezeption von der amerikanischen Tanzkultur (bes. Girltanz) im damaligen Deutschland analysiert und voraussichtlich mit dem Rezeptionskontext in Japan verglichen werden.
Berlin-Baku-Paris: Transkulturelle Geographien bei Zafer Şenocak
Katharina Gerstenberger (Cincinnati)
Die Großstadt hat eine lange literarische Tradition als Ort des Austausches, der Vermischung, und des Konflikts unterschiedlicher Identitäten. Durch den Fall der Berliner Mauer wurde die Frage nach einer deutschen Identität neu aufgeworfen. Globalisierung und die damit einhergehende Verlustangst nationaler Partikularität dominieren die Diskussion. Ich argumentiere, dass dieser Ansatz den heutigen Komplexitäten nicht gerecht wird. Mein Vortrag beschäftigt sich mit den Großstadttexten des deutsch-türkischen Schriftstellers und Essayisten Zafer Şenocak. Mit seinen europäischen und asiatischen Schauplätzen entwirft Şenocak transkulturelle Identitätsmodelle, die historische Entwicklungen reflektieren ebenso wie sich verändernde geographische Zusammenhänge. Seine literarisch anspruchsvollen Texte geben Impulse für die germanistische Auseinandersetzung mit Transkulturalität.
Bord-Kommunikation
als ein interkulturelles Thema für Country-Branding:
Eine textsemiotische Analyse über Bordmagzine von Fluggesellschaften
wie Lufthansa, KAL und Asiana
Park Yo-song (Jeju)
Heutzutage wird es immer häufiger von Country-Branding geredet. Also, das Schlüsselwort „Marke“ (Brand) eines Produktes, einer Firma oder sogar eines Staates gilt im wirtschaftlichen sowie im wissenschaftlichen Umfeld als ein aktuelles Thema. Zur Beobachtung werden hier folgende drei Ebenen getrennt: die Bord- Kommunikation als eine reduzierte Form vom Leben (narrative Ebene) selbst, die Flugreise als eine Semiose mit fast allen Mitteln (semiotische Ebene) und das Bordmagazin als ein Textkosmos mit bunten Textsorten (textuelle Ebene). Dabei handelt es sich um die Analyse über verschiedene Kommunikationsprozesse mit narrativen Folgen, die sich innerhalb einer begrenzten Flugzeit wiederum einerseits handlungsspezifisch und andererseits medienspezifisch entwickeln. Mein Ziel ist es dann, eine sog. interkulturelle Semiotik gegenüberzustellen, die alle Facetten der Reise-Kommunikation beschreibt und erklärt, indem sie die einschlägigen Beiträge zu einem systematischen Forschungsansatz verknüpft.
Sektion 4B Pop, Medien, Megapoleis
Ästhetik der Linie bei Lichtenberg und Hogarth
Hamanaka Haru (Tokyo)
In seiner Ausführlichen Erklärung der Hogarthischen Kupferstiche (1794–99) befasst sich Georg Christoph Lichtenberg mit Linien in ihren verschiedenen Erscheinungsformen und Bedeutungen: die Linie in den Kupferstichen Hogarths, die Linie als Metapher, die gerade, geschlängelte oder gezackte Linie. William Hogarth wiederum erörtert in seinem Traktat The Analysis of Beauty (1753) anhand der Linie das Prinzip der Schönheit. Mein Vortrag beschäftigt sich mit der Wirkungsweise der Linien in Lichtenbergs Hogarth-Erklärung – insbesondere im Verhältnis von Bild und Text. Folgende Themen werden voraussichtlich behandelt: Schlangenlinie und Zickzack, Reduktion auf Linien, die Linie als Medium von Bild und Schrift.
Manga-Boom
in Deutschland.
Ein Dialog mit der japanischen Popkultur?
Nitta Seigo (Tokyo)
„Manga“ hat sich in Japan bereits als Genre etabliert und ist Teil des alltäglichen Lebens. Der Begriff „Manga“ ist heutzutage auch in Deutschland bekannt. In den letzten zehn Jahren ist der Manga-Markt in Deutschland stark deutlich gewachsen, so dass inzwischen über 100 deutsche Comic-Zeichner ihre Werke im Manga-Stil herausgeben. Japanische Mangas haben jedoch soziale, historische und kulturelle Hintergründe, die dem deutschen Leser oft exotisch vorkommen müssen. In diesem Vortrag möchte ich darstellen, was deutsche „Manga-ka“, Comic-Zeichner, aus der fremden Kultur erfahren haben und welche Rolle die in Mangas gezeichneten Elemente der japanischen Kultur in der deutschen Manga-Szene spielen.
Fannys
Männer.
Genderdiskurs in den Filmen Doris Dörries
Jang Eun-Soo (Seoul)
Seit fast 20 Jahren spielt die Regisseurin und Schriftstellerin Doris Dörrie eine führende Rolle im deutschen Film. Mit ihrem großen Erfolg „Männer“, ist Doris Dörrie eine der wenigen Regisseurinnen in Deutschland, die begeisterte Kritiken und kommerziellen Erfolg in gleichem Maße ernten können. 1994 erzielte Dörrie mit der Tragikkomödie „Keiner liebt mich“ erneut einen Kinoerfolg. Die letzten Filme Dörries, „Der Fischer und seine Frau“ und „Kirschblüten – Hanami“, die sich mit der japanischen Kultur beschäftigen, zeigen einen sehr interessanten Wandel der Regisseurin bezüglich des Genderdiskurses. Darauf wird im geplanten Vortrag näher eingegangen.
Tatort
Fernsehen.
Die Krimiserie Tatort und die Grenzen des Rechts
Michael Mandelartz (Tokyo)
Der Fernsehkrimi ist historisch in der Tradition der Tragödie und des bürgerlichen Trauerspiels anzusiedeln. Wie diese reflektiert er die Grundlagen des Rechts, allerdings unter den Bedingungen der modernen Mediengesellschaft. Die Krimiserie Tatort hat sich in den föderal organisierten Sendern der BRD einen Freiraum geschaffen, in dem sie dieser Aufgabe gerecht wird. Der Vortrag erörtert die Strategien zur Schaffung dieses Freiraums und zeigt Beispiele, in denen der Tatort Fragen der Politik, der Wirtschaft und der Medien zum Anlaß nimmt, die Grenzen und die Grundlagen des Gemeinwesens in Frage zu stellen.
Die
Filme von Lars von Trier.
Die Befreiung der Bilder oder die Bilder der Befreiung
Pih Jong-Ho (Seoul)
Die Filme von Lars von Trier wird vor allem durch einen Hang zum Pessimismus, die apokalyptische Tendenz zur Erlösung von der Welt bezeichnet. Darin hebt sich der Prozess der Befreiung der Bilder oder der Prozess der Bilder der Befreiung hervor. Er bildet einen avantgardistischen Charakter der verdoppelten Bilder, nämlich eine mise-en-abîme. Das postmoderne Phänomen vom Bild im Bild wird durch den Prozess der ambivalenten Befreiung des Sehens mit religiösen Untertönen zustande gebracht. Dabei wird die Befreiung vom Bewusstsein, von der Schuld, von der Moral etc. auf ironische Weise thematisiert. In der vorliegenden Arbeit wird diese Erkenntnis-Thematik durch die ausführliche Analyse seiner Filme behandelt.
Cyborg
ist keine bloße SF-Figur mehr!
Ein Beitrag zur Diskussion über eine Philosophie der Technologie
Takahashi Toru (Tokyo)
Cyborg ist keine bloße SF-Figur mehr. 2002 ist dem britischen Kybernetikforscher K. Warwick ein Cyborg-Experiment gelungen. Inzwischen wird intensiv über eine Verknüpfung von Funktionen des menschlichen Gehirns und solchen des Computers geforscht (Brain Machine Interface). Man versucht sogar, aus anorganischer Materie Lebewesen zu „schaffen“ (Synthetic Biology). Meine Frage: Kann man die Entwicklung der „Cyborg-Technologie“ überhaupt stoppen? Wenn nicht, wie soll sich der Mensch damit auseinandersetzen? Wäre es möglich, mit dieser Technologie „zusammenzuleben“? Bei unserer Betrachtung der Cyborg-Technologie werden Überlegungen von Fr. Nietzsche, W. Benjamin und D. J. Haraway herangezogen und „Anime“ von M. Oshii und K. Kamiyama – wie „Ghost in the Shell“ – analysiert.
Zwei Aspekte zur Wiedervereinigung.
‹Goodbye Lenin› und ein
koreanischer Film ‹Eine mutige Familie›
Kim Yong-Min (Seoul)
Interessanterweise erschienen zwei ähnliche Filme über die Teilung und Wiedervereinigung jeweils in Deutschland und Korea. In dem monumentalen Film Wolfgang Beckers Goodbye Lenin! (2000) handelt es sich um eine warmherzige Lüge. Alex bemüht sich darum, dass die DDR immer noch existiert, obwohl sie schon gestürzt ist. Damit wollte er seine kranke Mutter vor dem Schock schonen bzw. in einem glücklichen Zustand sterben lassen. In dem koreanischen Film Eine mutige Familie (2005) geht es auch um eine Lüge, diesmal eine verwegene. Die Söhne inszenieren die Wiedervereinigung Koreas, um das Vermögen ihres Vaters, der sich während des Korea-Kriegs von seiner Familie in Nordkorea getrennt allein in Südkorea niedergelassen hat und wegen des Krebses vor dem Tod steht, zu erben. Nach dem Testament sollte das Erbe dem Ministerium für Vereinigung gespendet werden, falls Korea nicht wiedervereinigt sein wird. In meinem Referat möchte ich zwei Aspekte zur Wiedervereinigung reflektieren, indem ich die Gemeinsamkeiten und Unterschiede der beiden Filme analysiere.
Medienkritik in der koreanischen und deutschen Literatur
Rhie Hae Za (Gunsan)
Die schnell konsumierbare Medienwelt führt zum Ende der Individualität, die zu Stereotypen herabsinkt und in ihrer eigenen Oberflächlichkeit verschwindet. Die Manipulation von Sprache und Denken in der Mediengesellschaft kritisiert der koreanische Autor Kim Chung-Hyuk in seiner Novelle ‹Pinguin Nachrichten› (2000). Seine Figuren, Netz-Fanatiker, können weder ihre kritische Urteilsfähigkeit bewahren, noch einen Überblick gewinnen. Auch für die koreanische Autorin Han Yu-Chu ist Sprache abstrakt und fragmentarisch. In ihrer Novelle ‹Und Musik› (2004) gilt Sprache als System im medialen Diskurs, der das Sagbare und das Unsagbare beschließt. Dies gilt auch für den deutschen Schriftsteller Rainald Goetz. Im Theaterstück ‹Festung› (1993) schreibt er das Ereignis der Wiedervereinigung im Jahr 1989 gleichzeitig vor drei Fernsehern mit zwei Videorekordern. Durch die Veranschaulichung der allgegenwärtigen Medienherrschaft kritisiert er in der Tradition der Frankfurter Schule die manipulierte Sprache der Medien.
Der
Fall Mügeln:
Medienberichterstattung über ausländerfeindliche Kriminalität
in Ost- und Westdeutschland
Lee Kishik (Seoul)
Die kleine Stadt Mügeln, zwischen Leipzig und Dresden gelegen, ist seit dem August 2007 durch die Hetzjagd auf Ausländer in der ganzen Welt bekannt. Einwohner der Stadt jagten in der Nacht zum 19. 8. 2007 eine Gruppe von Indern, die am Stadtfest teilgenommen hatten, durch die Straßen Mügelns und verprügelten sie. Über die ausländerfeindliche Gewalttätigkeit berichteten west- und ostdeutsche Medien in sehr unterschiedlicher Weise. Ein Vergleich der Berichterstattung der Süddeutschen Zeitung mit der Berichterstattung der Leipziger Volkszeitung zeigt, dass letztere versucht, das Ereignis zu verharmlosen und sich von der kritischen Berichterstattung der westdeutschen Medien zu distanzieren.
Pragmatisch,
pluralistisch.
Ernst Blochs Kritik des Ersten Weltkriegs aus dem Geist Amerikas
Yoshida Haruyo (Tokyo)
Im frühen 20. Jahrhundert ist ein aufgeschlossen-interessiertes Verhältnis zu Amerika beobachtbar. Literatur und Philosophie der neuen Welt – vor allem ihr Pragmatismus – fanden auch in Deutschland Anklang. Der Erste Weltkrieg freilich markiert einen Einschnitt in der internationalen Austauschbeziehung, denn er trennte die Geister: Die Einstellung vieler Deutscher zu Amerika wurde ressentimentgeladen, während die wenigen Kriegsgegner, darunter Ernst Bloch, für westlich-amerikanische Werte eintraten. In meinem Vortrag wird gezeigt, dass Blochs Argumentation, die von einem noch offenen Verhältnis zu Amerika zeugt, viel zu differenziert angelegt war, als dass man sie einfach als ‚zivilisationsliterarisch‘ abstempeln könnte. Blochs frühe Publizistik soll vor dem Hintergrund des globalen Kultur-Transfers neu beleuchtet werden.
Das zwiespältige Bild von Amerika in Kafkas Der Verschollene
Shimozono Risa (Fukuoka)
In Kafkas Der Verschollene (1912–14) steht Karl Rossmann zweimal gleichsam vor den ‚Toren‘ Amerikas: einmal als das Schiff aus Deutschland im Hafen von New York anlegt und ein anderes Mal als er in das Theater von Oklahama aufgenommen wird. Die Beschreibung von New York spiegelt das Amerika-Bild eines rasant wachsenden Wirtschaftssystems wider, wohingegen das Theater von Oklahama idealisiert und als inszeniertes Jenseits im Diesseits aufgefasst werden kann. In meinem Vortrag werde ich dieses utopische Bild von Amerika, mit dem Anfang des 20. Jahrhunderts viele Europäer nach Amerika kamen, mit jenem anderen Bild Amerikas als eine kapitalistische Wirtschaftsmacht vergleichen.
Sektion 5A Europa- und Asiendiskurse
Sprachwissenschaftliche
Diskurse in Japan und in Deutschland:
Ein Rück- und Ausblick
Ogawa Akio (Nishinomiya)
In diesem Vortrag werde ich mich mit sprachwissenschaftlichen Diskursen in Japan und in Deutschland befassen. Ein Rückblick und Ausblick darüber sollte dazu dienen, wie die Sprache vor dem jeweils unterschiedlichen sprachkulturellen Hintergrund zur Diskussion gestellt wurde bzw. noch wird. Zugleich aber sollten auch Möglichkeiten und Ansätze vorgestellt werden, in dieser Disziplin stets anzustrebende gemeinsame Grundlagen für die Einzelsprachen- und Allgemeinsprachforschung zu schaffen.
China-Bild in deutschen Medien: am Beispiel des SPIEGELs
Jia Wenjian (Beijing)
Der Spiegel ist eine Zeitschrift, die auf die Meinungsbildung der Öffentlichkeit in Deutschland einen erheblichen Einfluss ausübt. Anhand der Inhaltsanalyse werden insgesamt 85 china- bzw. chinesenbezogene Artikel im SPEIGEL in den Jahren 2006 und 2007 untersucht. Bezüglich der Inhalte lassen sich die untersuchten Artikel 8 Kategorien zuordnen: Wirtschaft (24 %), Politik (23,53 %), Gesellschaft (20 %), Außenpolitik (9,41 %), Kultur (5,88 %), Umwelt (4,71 %), Sport (4,71 %), Wissenschaft und Bildungswesen (2,35 %). Die positive Berichterstattung macht 5,9 % aus, die neutrale 34,1 % und die negative 60,0 %. Es wird versucht, die Gründe für die Dominanz des negativen China-Bildes im SPIEGEL herauszufinden.
Rezeption
der „Prädikation“:
Wie wurde ein japanischer Satz
in der europäischen Terminologie beschrieben?
Tanaka Shin (Chiba)
In diesem Referat thematisiere ich, wie der Begriff „Prädikation“ in der Sprachforschung in Japan und in Europa definiert, verwendet und weiter entwickelt wurde und noch wird. Es geht mit der unterschiedlichen Auffassung eines „Satzes“ einher, welche sich vor allem in der Rezeptionsgeschichte der deutschen (und europäischen) Sprachwissenschaft in Japan am markantesten niederschlägt.
Musik
als Vergleichsgegenstand der Sprache:
Das Japanische und das Deutsche im Kontrast
Fujinawa Yasuhiro (Ehime)
Sowohl im japanischen wie auch im deutschen Diskurs gehört die Musik zu den Gegenständen, mit denen man gern die Sprache vergleicht. Da die Sprache phonische Substanz hat wie die Musik, wird in den beiden Kulturräumen nur natürlich von ihrer Melodie oder ihrem Rhythmus als Erscheinungsform gesprochen. Wenn aber das dritte Element der Musik, d. h. die Harmonie, mit einbezogen wird, so sieht es ganz anders. Während die Sprache im japanischen Diskurs auch in dieser Hinsicht noch immer ein phonetisches Phänomen darstellt, wird im deutschen Diskurs damit eher etwas Begriffliches angesprochen. Dies werde ich zum einen aus der klassischen Literatur der Sprachwissenschaft belegen und zum anderen aus einem Gesichtspunkt der gegenwärtigen zu deuten versuchen.
Imagologische
Aspekte einer schicksalhaften Begegnung:
Max Dauthendey und Asien
Mihaela Zaharia (Bukarest)
Im perversen imagologischen Spiel der Identitäts- und Alteritätssphäre spielten bei Max Dauthendey die Geschichte seiner Heimat und sein persönliches Los eine große Rolle. Soll das bloßer Zufall und/oder Ironie des Schicksals gewesen sein? Schwer zu sagen! Hauptsache: Max Dauthendey war von der Ferne fasziniert, und Asien war für ihn Ausgangspunkt für verzweifelte Gedichte (Lieder der Trennung) und Tagebücher und exotisch gefärbte Novellen (Asiatische Novellen; Die acht Gesichter am Biwasee. Japanische Liebesgeschichten; Das Märchenbriefbuch der heiligen Nächte im Javanerland).
Unsere Aufgabe besteht darin, zu zeigen, wie Asien sich in Max Dauthendeys Werk widerspiegelt und mit welchem Gewinn für die Literatur.
Max
Dauthendey „japanische Novellen“ in Die
acht Gesichter am Biwasee
– literarischer Exotismus oder schon interkulturelle Literatur?
Manfred Durzak (Padaerborn)
Unter den deutschen Autoren der Jahrhundertwende ist Max Dauthendey einer der weitestgereisten, der sich auf seiner ersten Weltreise 1905/06 besonders im asiatischen Raum aufhielt: in Indien, China und Japan. Seine zweite Weltreise 1914 führte ihn von Arabien aus über Java nach Neuguinea. Bei Ausbruch des Ersten Weltkrieges wurde er auf Java interniert und starb 1918, ohne Europa wieder gesehen zu haben.
Vor allem in seinen beiden Novellensammlungen Die acht Gesichter am Biwasee und Lingam spiegeln sich die Erfahrungen dieser Reisen. Man hat diese Texte, die nach wie vor lebendig geblieben sind und immer wieder gedruckt werden, bei ihrem Erscheinen als Dokumente eines literarischen Exotismus ausgelegt, der Elemente einer fremden Welt dekorativ arrangiert und eine andere Welt oberflächlich simuliert. In meinem Vortrag gehe ich der Frage nach, ob nicht auch eine andere Lesart möglich ist, die diese Texte ernst nimmt als literarische Schnittpunkte unterschiedlicher kultureller Traditionen, die sich wechselseitig durchdringen: als Antizipation einer interkulturellen Literatur.
Die Rezeption des deutschen proletarisch-revolutionären Märchens in Japan
Sato Fumihiko (Kanazawa)
In den 1920er Jahren entwickelte sich das proletarisch-revolutionäre
Märchen als ein wichtiger Bestandteil der proletarisch-revolutionären
Literaturbewegung in Deutschland. Zu einer der Wegbereiterinnen des Genres
zählt Hermynia Zur Mühlen (1883–1951). Ihre in linken Berliner Verlagen –
beispielsweise bei Malik – erschienenen Märchen wurden auch im damaligen Japan
viel gelesen und haben zur Entstehung des Genres in Japan beigetragen.
Mein Vortrag beschäftigt sich
zuerst mit dem „Ausgrabungsversuch“ der in Vergessenheit geratenen
österreichischen (Exil-)Autorin, und darauf folgt die Analyse nicht nur ihrer,
sondern auch unter ihrem Einfluss geschriebenen proletarisch-revolutionären
Märchen in Japan.
Die
Wahrnehmung der Welt in der Literatur.
Zum Perspektivwechsel
in Yukio Mishimas Roman „der Seeman, der die See verriet“
und Hans Wener Henzes Musikdrama „Das verratene Meer“
Waragai Ikumi (Tokyo)
Der Perspektivwechsel hat in Mishimas Roman und dem deutschen Musikdrama von Henze dieselbe Funktion, wenn man ihn ausschließlich als künstlerisches Verfahren betrachtet. Durch ihn wird der Kontrast veranschaulicht zwischen den bipolaren Sichtweisen und Vorstellungswelten des Protagonisten: zwischen Tag und Traum, Wirklichkeit und Ideal, der unerträglichen Langeweile seiner begrenzten Alltagsrealität und der faszinierenden, unendlichen Welt der Imagination. Die mit diesem Verfahren entfaltete Weltanschauung verweist jedoch in beiden Werken in unterschiedliche Richtungen. In einer vergleichenden Untersuchung des japanischen Romans mit der auf ihm basierenden deutschsprachigen Oper soll herausgearbeitet werden, welche Bedeutungsverschiebungen sich in der fremdsprachigen Rezeption ergeben.
Entwicklung
der Literaturgeschichtsschreibung
von den 50er Jahren bis heute in China
Zhao Leilian (Beijing)
Der vorliegende Aufsatz beginnt mit der typischen deutschen Literaturgeschichtsschreibung der 50er-70er Jahre in China, nämlich die Dichter politisch zu verorten. Dieses Verfahren geht auf die Literaturgeschichtsschreibung in der DDR zurück, und ist ein gutes Beispiel für deren Rezeption in China. Danach wird die Literaturgeschichtsschreibung der 70er Jahre bis heute behandelt. Die Orientierung an der DDR-Literaturgeschichte wurde nach dem Ende der Kulturrevolution überwunden, blieb aber nicht ohne Folgen.
Literarische Chinoiserien im 20. Jahrhundert
Christian von Zimmermann (Bern)
Chinoiserien haben in der abendländischen Garten- und Wohnkultur ihre eigene Tradition entfaltet. Aus einer Begeisterung der Eliten für fernöstliches Porzellan, für Tee und Seide wurde eine breite Mode bis in die Nippeskultur hinein. Was Chinoiserien sind, ist vielfach diskutiert und beschrieben worden. Vereinzelte Elemente einer (vermeintlich) chinesischen Kultur wurden insbesondere als Wohnraumschmuck aus ihren ursprünglichen Funktionen und ihrer ursprünglichen Stellung im Rahmen einer Gesamtanordnung entnommen und als exotische Besonderheiten ausgestellt. Die Gegenstände werden als dekorative Elemente verfremdet. Die Chinoiserien haben dabei rasch den Charakter einer Mode angenommen, wurden seriell produziert und lieferten zugleich die Kulisse für ein Phantasiebild von China. – Weniger gut untersucht ist dagegen die Frage, was eine literarische Chinoiserie ist. Zwar taucht der Begriff mitunter auch in literaturwissenschaftlichen Zusammenhängen auf, doch wird er kaum einmal genauer präzisiert. Der Vortrag soll hierzu am Beispiel der literarischen China-Moden des 20. Jahrhunderts einzelne Hinweise geben.
Dichter im Land des Dichters. Zu den Korea-Gedichten Reiner Kunzes
Chon Young-Ae (Seoul)
Der jüngste Lyrikband Reiner Kunzes, lindennacht (2007), enthält zwölf Gedichte, markante lyrische Bilder des Koreas von früher und heute. Sie umreißen in asketischer hochpoetischer Sprache Geschichte, Menschen, Kultur und Landschaft auf einmalige Weise, vor allem aber die tiefgehende, seelische Begegnung des Dichters mit der Dichtung des Landes.
Dieser Zyklus verfolgt verschiedene „Wege“: Von der lockenden Dichtung des Gastlandes ausgehend über schlagkräftig treffend gefaßte Straßen- und Landschaftsbilder zu tiefsinnigen Reflexionen.
Vor allem wird die altkoreanische poetische Gattung Sijo von einem großen zeitgenössischen deutschen Lyriker eben in ihrer Entstehungsphase beleuchtet und durch Thematisierung und Praktizierung belebt. – Ein hoch achtenswerter Hinweis auf die Möglichkeit ihrer Weiterentwicklung in unserer Zeit.
Übersetzungsprobleme von Nitobe Inazos Bushido
Kimura Naoji (Regensburg)
Einschließlich
verschiedener Übersetzungen von Romanen gibt es heute noch eine reichhaltige
Literatur über Samurai in deutscher Sprache. Ein springender Punkt besteht vor
allem darin, daß man kaum zwischen dem historischen Kriegerwesen seit der
Heian-Zeit und dem Bushido als Moralkodex konfuzianischer Prägung in der
Edo-Zeit unterscheidet. Selbstverständlich liegt das berühmte Buch von Nitobe
Inazo schon lange in mehreren Ausgaben vor. Aber die allererste Übertragung von
Ella Kaufmann aus dem Englischen im Jahre 1901, die ihnen zugrunde liegt, war
nicht ganz vollständig, obwohl der Verfasser selbst sie autorisiert hatte. Im
Grunde genommen stammen alle Mißverständnisse daher. Vor einem eigentlichen
Diskurs über Bushido als ethisch-religiöse Grundlagen japanischer Identität ist
also zunächst dieses schwerwiegende Sprachproblem zu klären.
Sektion 5B Europa- und Asiendiskurse
Transkulturalität
als Auflösung des traditionalistischen Identitätsschema
und als Überwindung der exklusiven Kulturbehauptungen
in jüngster Literaturwissenschaft
Walter Gebhard (Bayreuth)
Als Ergebnis der 3 Bayreuther Kolloquien zur Ostasienrezeption, die sich als Dialoge zwischen ostasiatischen und deutschen Teilnehmer strukturiert haben (vgl. Ostasienrezeption zwischen Klischee und Innovation 2000, Ostasienrezeption im Schatten der Weltkriege 2003, Ostasienrezeption in der Nachkriegszeit 2007) sind neben Bestätigung der beschränkten Sonderrolle, die Deutschlands Begegnung mit China und Japan im Prozess der imperialistischen Dominanz gefunden hat, Funktionen wechselseitiger Imagination und Projektion erkennbar geworden: Wirkte der Ostasiendiskurs seit dem Ende des 19. Jh.s vornehmlich im Schema der nur neu besetzten Verklärungen und Fluchtweltbildungen (als Träger von ‚Natur‘, ‚heiler Kultur‘, ‚Residuum des lauteren Menschseins‘), so ist am Europa-Diskurs Ostasiens, zumal Japans erkennbar, in welchen begrifflichen und ethischen Ambivalenzen hier Orientierung an Subjekt-Vorstellungen des Westens gesucht worden ist (vgl. u. a. die Forschungen Masao Sugiyamas zum seiyō-ka im 1. Bd., zu Japans Identitätssuche im 3.).
Aus Thomas Pekars Forschungen zu „Kulturinszenierungen“ (vgl. Der Japan-Diskurs im westlichen Kulturkontext (1860–1920) ergibt sich ebenso zwingend die Funktion des Diskurses der ‚totalen Fremdheit‘ und völligen Andersheit einerseits für die fragwürdige Stabilität der Fremdbilder und der korrespondierenden Selbstbilder, die Funktion jedoch auch der Ermöglichung von radikaler Selbstkritik für die entsprechenden ‚Eliten‘: Die Begegnungsstruktur ermöglicht dort, wo transkulturelles Verständnis aufgebaut werden konnte, einen kritischen Gegenblick auf die Dummheit der Dominanz und die Erkenntiserschwerung, die dem Treue-Diskurs zum ‚Eigenen‘ eigen sind. Dies gilt für ‚Modernisierungsbrüche‘ im W wie im O. Der Modernisierungsschritt der so häufig auswandernden, häufig ins Exil gejagten Eliten findet insbesondere bei ‚Gegenkulturen‘ statt als Abgehen von fixierten, unflexiblen, rigorosen Identitäten. Seit Max Schelers Einsicht, dass Kultureliten seit dem hohen Mittelalter dialogische Plattformen für den Austausch von Werten und die Einsicht in Bedürfnis-Analogien aufbauen konnten (die gleichzeitig oder sekundär von Exklusions- und Fundamentalismus-Ideologien sehr erfolgreich konterkariert zu werden pflegten), hat sich insbesondere in den Diskursen der – per se offenen – Kulturbereiche Literatur und Kunst die Erfahrung behauptet, dass Kulturvermittlern und „Kulturwechslern“ die Förderung von Transkulturalität gelingt. In meiner eigenen Sammlertätigkeit gehe ich dem Prozess nach, in dem chinesische Zen-Mönche nach dem Fall der Ming-Dynastie in Japan mit Einwanderung und Sesshaftigkeit im Mampuku-ji eine ungeheuer befruchtende Wirkung auf die japanische Kultur entfalteten. Dies freilich in einer spezifisch ‚nahen‘ Kultursituation. Dagegen pflegen sich gerade in Zeiten der Kulturexpansion – die lange Kolonialisierungsgeschichte – harte, auf missionarischen Affekten basierende Kulturidentitäten zu entwickeln. Dadurch mitbegründete Krisensituationen können in diametraler Weise beantwortet werden: nicht nur durch Negation, sondern gerade auch durch blinde Affirmation des ‚Eigenen‘. Noch in den Existenz-Philosophien, selbst noch in den Theorievoraussetzungen der Interkulturellen Germanistik sind Annahmen kategorischer Distanz zwischen ‚Eigenem und Fremdem‘ tragfähig geblieben.
Demgegenüber war es Absicht und Leistung der Avantgardismen, die Konzepte „identitärer“, auf die Selbheit und ‚Unveränderlichkeit‘ pochender Kultur- und Selbstformationen zu unterlaufen und zu destruieren. In vieljähriger Sonderforschung zur Darstellung Chinas in der deutschen Literatur 1870–1930 wurden zusammen mit Weijian Liu Einsichten in die kritische Verarbeitung des strittigen ‚Fremden‘, das gewohnterweise mit dem Bann der Exklusion bedacht wurde, und in den Aufbau vorläufiger neuer, probeweiser Identitäten gewonnen. Lius Werk Kulturelle Exklusion und Identitätsentgrenzung (2007) macht deutlich, wie prohibitive, geschlossene, exklusive und ganzheitliche Identitätsformationen dank kulturellen Öffnungen und praktisch beglaubigter Nähe von Lebensformen aus ihrer „fundamentalistischen“ Enge gelöst werden können. Mehrfach haben Literatur und Literaturwissenschaft der letzten Jahrzehnte bedeutende Beiträge dafür geleistet, konkretes wie geschichtliches Anschauungsmaterial für das Gelingen des Dialoges der Kulturen im Prozess ihrer angstlosen Verständigung zu analysieren. Dabei spielen Theorien des Hybriden, der nicht-identitären Mischung, der Vermeidung statischer Homogenität eine zentrale Rolle. Voraussetzung dafür, so ist zu zeigen, bildet durchaus der dauerhafte kritische, auch selbstkritische „Dialog der Kulturen in Anerkennung wechselseitiger Komplementarität“ (Liu).
Der Vortrag wird sich abschließend mit der jüngst
vorgelegten Theorie der „Transkulturalität“, wie sie für das Fach Deutsch als
Fremdsprache von Konrad Ehlich vorgelegt worden ist, auseinandersetzen. Im
Verhältnis der ‚Disziplinen‘ Literaturwissenschaft und Sprachwissenschaft ist
unmittelbar zu verdeutlichen, wie jüngere und als ‚dritte‘, als
Anwendungsinstanz zu betrachtende Fächer wie DaF über den veralteten Streit der
zur Polarisierung geneigten ‚Fakultäten‘ hinweggehen. Es sollte keine
Isolierungen und Abgrenzungen geben.
Gegenwartsliteratur
als Medium der Annährung an fremde Mentalitäten
und Kulturen aus der Sicht einer interkulturellen Literaturdidaktik
Hans-Christoph Graf von Nayhauss (Kalrsruhe)
Die
Schriftstellerin Christa Wolf beantwortet in ihrem Roman Kindheitsmuster die Frage, „Wie sind wir so geworden wie wir heute
sind“ mit dem Satz: „Eine der Antworten wäre eine Liste mit Buchtiteln.“ Im
Sinne der von mir konstituierten interkulturellen Literaturdidaktik, die über die
muttersprachliche Literaturdidaktik mit ihrer Orientierung an der
Rezeptionswissenschaft in weitere wissenschaftliche Konstitutionsverhältnisse
eingetreten ist wie zur Imagologie, Kulturgeschichte und Mentalitätsgeschichte,
versuche ich eine Ergänzung der Fragestellung Christa Wolfs. Ich frage nicht,
wie wir so geworden sind wie wir sind, sondern darnach, welche Bilder wir uns
auf welchen Grundlagen von der fremden Welt gemacht haben, so dass die Funktion
von Vorurteilen, Klischees und Stereotypen unserer Wahrnehmung uns bewusst
werden kann. Da beim Lesen der Text sich im Bewusstsein des Lesers immer neu
konstituiert und die Vorstellungskraft das Gelesene sich aufgrund der
Erfahrungen unserer Persionalisation, Sozialisation und Enkulturation immer neu
verbildlicht, möchte ich am Beispiel der Lektüre von ins Deutsche übersetzter
chinesischer moderner Erzählungen den Wandel meines China-Bildes während meiner
dortigen Vortragsaufenthalte und Gastprofessuren von der totalen Fremdheit bis
hin zu einer gewissen Vertrautheit, Angstfreiheit und damit geistigen
Beheimatung nachzeichnen.
NAGAI
Kafu – auf der Suche
nach den alten europäischen und japanischen Stadtbildern
Takahashi Yoshito (Kyoto)
In seinem zweiten Roman „Geschichte in Frankreich“ kritisierte NAGAI Kafu die Modernisierung der Stadt Tokyo sehr scharf. Wie es seinen Besprechungen der Opernaufführungen des „Faust“ von Gounot und von Berlioz abzulesen ist, war die Liebe für Kafu viel wichtiger als die Karriere, und das normale Volk und dessen friedliches Leben von größerer Bedeutung als die rasche Modernisierung der europäischen und japanischen Städte. Jedoch ging das alte, gute Leben des Volkes in den schmalen Gassen Tokyos, einem Ort der Kommunikation, in der Meiji-Zeit immer mehr verloren. Deshalb musste der spätere Kafu nach den verlorenen Stadtbildern in den verborgenen Winkeln der modernen Städte Paris und Tokyo suchen. Kafu erblickte im Strom der Seine das Bild seines lieben Flusses Sumida in Tokyo. Vor etwa 150 Jahren war Kafu in Japan einer der ganz wenigen bedeutenden Dichter, die die Modernisierung der Städte sehr scharf kritisierten und die alten, menschlichen Städte aus der alten Zeit Europas und Japans bewahren wollten.
Koreanische
Literatur in deutshcsprachigen Zeitungen und Zeitschriften
Lee Kwang-Sook (Seoul)
Im Oktober 2005 war Korea Gastland der Frankfurter Buchmesse. Dies war eine gute Gelegenheit, die internationale Rezeption der koreanischen Literatur zu fördern. Um diese Gelegenheit zu nutzen, reicht es nicht aus, Literatur zu übersetzen und brauchbare Informationsmaterialien zusammenzustellen. Eine den deutschen Lesern noch fremde Literatur ist stets auf die Vermittlung in deutschen Medien angewiesen. In diesem Beitrag ist untersucht, inwieweit deutsche Journalisten dabei helfen konnten, wo die Grenzen ihrer Vermittlungstätigkeiten lagen und welche Strategien von koreanischer Seite künftig die Verbreitung koreanischer Literatur fördern können.
Das Untersuchungsmaterial umfasst ca. 40 Zeitungen und Zeitschriften aus Deutschland, Österreich und der Schweiz, und der Untersuchungszeitraum erstreckt sich vom 8. Okt. bis 25. Nov. 2005. In dem untersuchten Material werden insgesamt 47 koreanische Autoren (31 Prosaautoren und 16 Lyriker) und 60 Werke (48 Romane bzw. Erzählungen und 12 Gedichte) vorgestellt.
Japans
„Rezeption“ der Germanistik und
Deutschlands „Aneignung“ der Japanforschung:
Lehr- und Forschungstätigkeit von Karl Florenz
im Zeitalter des Kolonialismus
Tsuji Tomoki (Tsukuba)
Der Vortrag behandelt die Rezeptionsgeschichte der Germanistik in Japan im Zusammenhang mit der Entwicklung der deutschen Japanologie. Fokussiert wird dabei auf Karl Florenz, 1889–1914 Germanistikprofessor an der Kaiserlichen Universität Tokyo und danach bis 1935 Inhaber des japanologischen Ordinariats im „Hamburgischen Kolonialinstitut“. Florenz übertrug einerseits die deutsche Germanistik nach Japan. An die Methodologie der westlichen Geisteswissenschaften angelehnt schuf er andererseits die Grundlage der deutschen Japanologie, die keinesfalls mit der indigenen Japanforschung identisch war. Am Beispiel der Kontroverse mit dem Sprachwissenschaftler Ueda Kazutoshi wird veranschaulicht, wie das eurozentristische Gedankengut bei Florenz zum ungleichen wissenschaftlichen Austausch zwischen Japan und Deutschland geführt hat.
Der deutsche Michel aus einer koreanischen Sicht
Choi Young-Jin (Seoul)
Der deutsche Michel als nationaler Stereotyp lebt seit Jahrhunderten in der politischen Karikatur. Während sein Erkennungsmerkmal, die Zipfelmütze, stets gleich geblieben ist, haben die ihm zugeschriebenen Eigenschaften sich im Laufe der Zeit gewandelt.
In meinem Referat werden zuerst die Bedeutungen des deutschen Michels besprochen, wobei der Stereotyp als überspitzte Verallgemeinerung tatsächlicher Merkmale betrachtet wird. Auf der Metaebene wird danach auf die Frage eingegangen, wie es zu einem nationalen Stereotyp kommt.
Der deutsche Michel
ist trotz seiner internationalen Popularität in Korea weitgehend unbekannt.
Nach meiner Ansicht liegt das vor allem daran, dass die Koreaner keine
äquivalente Nationalfigur haben.
„Alice im Wunderland“ – Alice Schalek im Fernost
Ide Manshu (Tokyo)
Als eine Fallstudie unter die Lupe genommen wird der Reisebericht „Japan, das Land des Nebeneinanders“ (Ferdinand Hirt, 1923) von Alice Schalek (1874–1956) über Japan und Korea in der zweiten Dekade des vergangenen Jahrhunderts. Neben der Sinnerörterung über eine eingehende Beschäftigung mit dem Fremdenbild aus einer zeitlich entrückten Epoche wird für die methodischen Probleme, welche die Auseinandersetzung mit dem Werk der Wiener Journalistin beispielhaft mit sich bringt, ein Lösungsvorschlag in Form eines Perspektivenrasters zur Analyse der historischen Transkulturalität erarbeitet werden.
Unter
der Erde der Kaiserstadt.
Mori Ōgai und Berlin
Birumachi Yoshio (Tokyo)
Zum Thema wird die
Großstadterfahrung
von Mori Ōgai, der von 1887 bis 1888 als Militärarzt in Berlin war
und seine Forschung am hygienischen Institut der kaiserlichen
Friedrich-Wilhelm-Universität bei Prof. Robert Koch führte.
Zu betrachten ist vor allem seine
Tätigkeit unter der Erde, nämlich, dass er sich als Wissenschaftler für Hygiene
intensiv mit der Berliner Kanalisation beschäftigte und mehrmals dorthin begab,
um Abwasserproben für Experimente zu sammeln. Das Berliner Abwassersystem ging
bereits in den 70er Jahren des 19. Jahrhunderts in Betrieb und hat die Bürger
von der Geruchtsbelästigung durch die Gossen befreit, die bis dahin auch
ständige Seuchenherde dargestellt hatten.
Für Mori Ōgai bedeutete diese Kanalisation jedoch mehr als nur eine
Einrichtung zur Reinhaltung der Stadt und Gesundheitspflege. Er sah in ihr ein
wesentliches Merkmal der modernen Stadt an sich, das als Hauptthema des
Vortrags folgenderweise zu erörtern ist:
1. Neben der Kanalisation breiteten sich damals unter der Stadt auch verschiedene andere Netzwerke aus, z. B. Trinkwasser- und Gasleitungen, Rohrpost, Telegrafenkabel u.s.w., über die Mori Ōgai im Zusammenhang mit seiner Forschung gut informiert war.
2. Durch die Einführung eines Wasserverteilungssystems und einer Kanalisation vervollkommnete sich ein geschlossenes Wasserzirkulationssystem. Dies markiert einen historischen Moment, in dem der Mensch sich endgültig von der Abhängigkeit des natürlichen Wasserkreislaufs löste.
3. Dass dieses Ver- und Entsorgungssystem sich direkt an jede einzelne Wohnung anschließen ließ und damit gleichzeitig alle Bürger in gewissem Maße von sich abhängig machte, zeigt, wie sich hier eine neue Dimension der modernen Gesundheitspflege eröffnet, deren Leitung oder Leiter nun eine zentrale, politische Macht verliehen wird.
4. In dieser verwaltungstechnischen Eigenschaft der Hygiene, deren prakische Umsetzung Mori Ōgai im Untergrund der Hauptstadt miterlebt hat, erkannte er das Ziel seiner Forschung. Dies führte ihn bald dazu, dass er sich nach seiner Rückkehr aktiv am Umbau der Stadt Tōkyō beteiligte.
Der
Einfluss deutscher Ideen
auf die Entstehung der modernen Nationalkultur in Japan
Hayashi Masako (Gifu)
In diesem Vortrag sollen aus japanologischer Sicht einige japanische Philosophen und Literaten vorgestellt werden, die zur Zeit der Herausbildung des modernen japanischen Nationalstaates, vom Ende des 19. Jahrhunderts bis zum Anfang 20. Jahrhunderts, in Deutschland studierten. Es soll aufgezeigt werden, wie wichtig gerade die in dieser Zeit übernommenen deutschen Ideen z. B. Nietzsches für die japanischen Intellektuellen bei der Schaffung des Nationalstaates und einer nationalen Kultur waren, und welche Wirkung sie auf die Entwicklung der nationalen Kultur hatten. Schließlich soll dargestellt werden, wie die Auswahl und Umsetzung deutscher Ideen das Bewusstsein japanischer Intellektueller sowie die Verhältnisse in Japan in dieser Zeit widerspiegeln.
Zur Rezeption des Buddhismus bei Hesse, Thomas Mann und Gjellerup
Pornsan Watanangura (Bangkok)
Hermann Hesse und Karl Gjellerup sind bekannt für ihre indisch buddhistischen Dichtungen: Siddhartha (1922) beziehungsweise Der Pilger Kamanita (1906). In beiden Romanen sind die Protagonisten auf der Suche nach der „Wahrheit“. Jedoch unterscheidet sich prinzipiell ihre Auffassung von „Wahrheit“. Der Roman Siddhartha enthält viele Elemente des Buddhismus, trägt aber nur das Gewand des Buddhismus wie Goethes Faust das Gewand des Christentums. Gjellerups Kamanita sucht nicht die „Wahrheit“ auf dem Weg zu sich selbst wie Siddhartha. Seine Wahrheit liegt vielmehr unmittelbar in der Person Lord Buddhas, der ihm – ohne dass er ihn erkannte – kurz vor seinem Tod begegnet ist.
Anders als Hesse und Gjellerup sind Thomas Manns literarischen Werke durchweg von europäischer Kultur geprägt. Jedoch entdeckt man erstaunlicherweise in zahlreichen seinen frühen Erzählungen buddhistische Momente in den Gedanken und im Verhalten der Charaktere wie z. B. bei Bibi in Das Wunderkind und bei Gustav von Aschenbach in Der Tod in Venedig.
Dieser Beitrag befasst sich mit der Rezeption des Buddhismus bei Hesse, Gjellerup und Thomas Mann am Beispiel von Siddhartha, Der Pilger Kamanita und den frühen Erzählungen Manns. Es stellen sich vor allem die Fragen: Wie unterscheiden sich die Rezeptionen des Buddhismus bei Hesse, Gjellerup und Thomas Mann? Wie sind die Suche nach der „Wahrheit“ und die Suche nach sich selbst aus buddhistischer und aus der Sicht der europäischen Kultur erfassbar?
Murakami-Land.
Zur Rezeption von Murakami Haruki im deutschsprachigen Feuilleton
Mechthild Duppel-Takayama (Tokyo)
Murakami Haruki ist der wohl weltweit am meisten beachtete japanische Autor. Im deutschsprachigen Feuilleton sind seit Ende der neunziger Jahre rund zweihundert Artikel über ihn und seine Literatur erschienen. Welche Rolle spielt in diesen Texten seine Nationalität, wie wird er als Person und Autor dargestellt? In welchem Umfang und in welcher Form berücksichtigen die Rezensenten bei der Besprechung seiner Werke den Themenkomplex Japan? Und welches Bild von Japan schließlich wird in den Artikeln zu Murakami gezeichnet?
Der Vortrag zeigt die sukzessive Veränderung des Umgangs der Printmedien mit dem Autor und seinem Land und stellt sechs Phasen der Auseinandersetzung zur Diskussion.
Zur Begriffsgeschichte des Exotismus
Thomas Schwarz (New Delhi)
Der moderne „Exotismus“ gilt in den literaturwissenschaftlichen Nachschlagewerken als französische Erfindung aus der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts. In meiner begriffsgeschichtlichen Untersuchung werde ich jedoch zeigen, dass der gängige Verweis auf den französischen Erstbeleg von „exotisme“ (Journal der Goncourts) revidiert werden muss. Bereits um 1800 taucht der Begriff „Exotismus“ im Briefwechsel zwischen Herzog Karl August und Goethe auf. Der Exotismus als eine aristokratische Praxis wird aus der Perspektive des national gesonnenen Bürgertums als „Exoteromanie“ verworfen. Turnvater Jahn und Fichte wenden sich gegen die „Ausländerei“. Noch keinen Eingang in die begriffsgeschichtlichen Darstellungen hat auch die Verwendung des Ausdrucks „Exotismus“ in Hermann Conradis Roman „Adam Mensch“ von 1889 gefunden. Bekannt war, dass sowohl der österreichische Expressionist Robert Müller als auch Thomas Mann den Begriff des Exotismus kritisch diskutieren. Dass sie dabei auf die Problematisierung des Exotismus bei Nietzsche zurückgreifen konnten, ist der Literaturwissenschaft jedoch weitgehend entgangen. Mein Beitrag widmet sich der Frage, welche Konsequenzen sich aus diesen Entdeckungen für die Begriffsgeschichte zum Konzept des modernen Exotismus ergeben.
Sektion 6 Möglichkeiten eines transkulturellen DaF-Unterrichts
Das
Lehrwerk studio d A1 und A2/1 bei Studierenden aller Fakultäten
Bertlinde Vögel (Osaka)
In diesem Beitrag werden Umfrageergebnisse zum Lehrwerk „studio d A1“
(Funk, Kuhn, Demme 2005) und „studio d A2/1“ (Funk, Kuhn, Demme, Christiany,
Bayerlein 2006) referiert, die zwischen Januar 2007 und Juli 2008 erhoben
worden sind oder erhoben werden. Die Herausforderung lag darin, in nur zwei
Unterrichtsstunden einen Überblick über eine Lektion und damit im Laufe eines
Jahres über den Lernstoff für das Niveau A1 zu gewinnen. Mit japanischen
Hilfsmitteln (Vokabellisten, Übersetzung der Lernziele) und vielen Tests nehmen
die Studierenden nach den bisherigen Ergebnissen das Lehrbuch zwar an, aber sie
würden gerne mehr Unterrichtszeit dem Erlernen der Konversation und der
Aussprache widmen.
Lerneffekt
der verbalen vs. non-verbalen Lernmaterialien
für Fremdsprachenunterricht
Choi Myun-Won (Seoul)
Viele koreanische Studenten im Fach Germanistik lernen Deutsch mit DaF-Lernmaterialien, die in Deutschland entworfen und publiziert worden sind. Neu erscheinende DaF-Lehrbücher folgen dem Trend, immer mehr pikturale Elemente anzubieten: Fotos, Zeichnungen, Karikaturen, Bildergeschichten und so weiter. Die Lehrbücher werden immer bunter und auf den ersten Blick attraktiver. Gleichzeitig wird der Anschein erweckt, derartige Innovationen seien geeignet, die Lernmotivation zu stimulieren und das Lernen zu erleichtern. Reaktionen koreanischer Studenten lassen jedoch fragen, ob es sich nicht eher umgekehrt verhält: Lenkt eine Überfülle pikuraler Reize nicht letztlich von den sprachlichen Problemen ab, die es zu verstehen gilt? Im Rahmen empirischer Forschungsmethoden geht der vorliegende Aufsatz dieser Frage nach.
Ein
transkulturelles DVD-Projekt
Miyatani Naomi (Tokyo)
Zwischen dem Gymnasium Rodenkirchen/Köln und der Rikkyo-Ikebukuro-Oberschule in Tokio wird seit zwei Jahren ein DVD-Projekt durchgeführt. Die japanischen Oberschüler fertigen im Deutschunterricht eine DVD an, in der die Kursteilnehmer in zwei Sprachen (Japanisch und Deutsch) ihre Schule und die Umgebung vorstellen, und schicken sie an die Japanisch-AG am deutschen Gymnasium. Daraufhin produzieren die deutschen Jugendlichen der Japanisch-AG ihre zweisprachige DVD, die sozusagen die Antwort-DVD darstellt. Die Schüler der beiden Seiten kommentieren die DVD der Partnerschule und so entsteht ein weiterer Austausch. In meinem Referat möchte ich dieses Projekt als eine gute praktische Anwendung von transkulturellem Kulturaustausch zwischen Asien und Deutschland präsentieren.
Text-Überarbeitungsprozesse
japanischer Deutschlerner.
Wie rezipieren die Lernenden das schriftliche Feedback der Lehrenden?
Ohta Tatsuya (Kanagawa)
Der Vortrag referiert die Ergebnisse des dritten Teils einer empirischen Untersuchung zu Schreib- und Korrekturprozessen. Bei der Studie wurde audiovisuell aufgezeichnet, wie japanische Deutschlernende Texte schreiben und wie japanische und deutsche Lehrende diese Texte korrigieren. Die Informanten waren dabei zu lautem Denken angehalten, damit einsichtig wurde, was ihnen beim Schreiben bzw. beim Korrigieren durch den Kopf ging. Im dritten Teil dieser Untersuchungsserie wurde beobachtet, wie die Korrekturen und Kommentare der Lehrenden von den Lernenden gelesen und interpretiert werden. Dabei sollte deutlich werden, was die Lernenden beim Lesen der Lehrer-Anmerkungen verstehen und was nicht. Das Ergebnis dieser Untersuchung könnte die Grundlage schreibdidaktischer Erkenntnisse bilden.
Das
neue webbasierte Autorenprogramm „Web Drill“
Tabata Yoshiyuki (Fukuoka)
An japanischen
Universitäten ist die Zahl der Unterrichtsstunden für Fremdsprachen sehr
gering. Um diesen Mangel zu kompensieren, sollten Übungen zur Grammatik
und/oder zum Wortschatz außerhalb des Unterrichts mit dem PC gemacht werden.
Daher haben wir ein webbasiertes Autorenprogramm „Web Drill“ entwickelt, mit
dem die Lehrenden solche Übungen selbst erstellen können. Bei „Web Drill“
lassen sich die Aufgabendateien in Form einer Text-Datei schreiben und ins
Programm einführen. Deshalb können viele Aufgaben leichter und schneller
erstellet werden als bei einem anderen Autorenprogramm wie „Hot Potatoes“, bei
dem einzelne Fragen, Lösungen oder Rückmeldungen in eine bestimmte Kolonne der
Eingabemaske eingefügt werden müssen.
Der
Einsatz von Podcasts im DaF-Unterricht:
Ein Vehikel zur Landeskundevermittlung
Chan Wai Meng (Singapur)
Die sprunghaft
wachsende Zahl der Podcastnutzer weltweit liefert ein deutliches Indiz für die
Popularität dieses neuen Mediums und unterstreicht zugleich dessen Potential
für das Fremdsprachenlernen. Dennoch fehlen trotz dieser Erkenntnis
aufschlussreiche empirische Daten sowie gut fundierte didaktische Konzeptionen
für den Einsatz des Podcasts. Dieses Referat informiert über den Einsatz von
Lernpodcasts in universitären DaF-Kursen, die den Präsenzunterricht ergänzen
und zugleich ein mobileres Lernen ermöglichen. Dabei wird insbesondere der
Beitrag dieser Podcasts zur Realisierung einer kommunikativ und interkulturell
ausgerichteten Landeskundevermittlung erörtert. Außerdem werden empirische
Daten präsentiert, die einen Einblick in den Umgang der DaF-Lernenden mit
diesem Medium sowie dessen Nutzen aus Sicht der Lernenden geben.
Außensicht
über chinesische Kultur als Inhalt des DaF-Unterrichts
Zhu Xiaoxue (Beijing)
«Chinesische Kultur aus fremder Sicht» ist eine didaktisierte Sammlung von Texten
westlicher Autoren. Es mag überraschen, dass wir für den Deutschunterricht in
China Texte zur chinesischen Kultur in einer fremden Sprache und aus fremder
Perspektive veröffentlichen. Eine wichtige Zielsetzung für chinesische
Germanisten ist, sich über die eigene Kultur in deutscher Sprache mitteilen
können. Diese Vermittlung setzt aber nicht nur sprachliche und fachliche
Kenntnisse voraus. Vielmehr verlangt sie auch ein Verständnis dafür, wie Fremde
China wahrnehmen. Was wir anbieten, sind Einblicke in diese Außensicht. Die
fremde Sicht sollte die Studierenden dazu anregen, den eigenen Standpunkt zu
reflektieren und situationsgemäß zu vertreten.
Sektion 7 Germanistik und Grenzüberschreitungen
Technik als ein Spielraum von Natur- und
Geisteswissenschaften
KIM Kyunghee (Seoul)
In diesem Referat geht es um die Transkulturalität von Geistes- und Naturwissenschaften im thematischen Zusammenhang mit Technik. Die Techniktheorie soll anhand klassischer und neuerer Beiträge in Richtung der interdisziplinären Perspektiven (besser: im Hinblick auf die interdisziplinären Perspektiven) rekonstruiert werden. Die problematische Fokussierung von Technik auf den naturwissenschaftlichen Bereich soll korrigiert werden und vielmehr als umfangreicheres Feld betrachtet werden. Zuerst wird der Zusammenhang zwischen Naturwissenschaften und Geisteswissenschaften, die nicht mehr „Zwei Kulturen“ (Snow) sind, untersucht, und in dieser Diskussion wird der Technikbegriff aus neuer Sicht betrachtet. Daraus folgernd kann Technik als ein Spielraum zwischen Mensch, Natur und Gesellschaft durch die Intervention in der Konstruktion der Wirklichkeit begriffen werden.
Herbart
und Hegel.
Das Ästhetische bei Herbart und Hegel
Kim Jongdae (Seoul)
Herbarts These ist die ästhetische Erziehung des Menschen in der Welt im Gegensatz zu den herkömmlichen Lern- und Lehrmethoden. Das Ästhetische bei Herbart heißt in der Tat praxisbezogene, dialektische Erziehung. Die menschliche Erziehung muss nach der Herbartschen These nicht nur ideal sein, sondern auf die Menschlichkeit des Menschen als des Mängelwesens berücksichtigen. Das Einandersein der Theorie und der Praxis in der Herbartschen These muss als das Ästhetische und das Dialektische, das mit der Dialektik von Hegel in engem Zusammenhang steht, betrachtet werden. In dieser Abhandlung werde ich mich mit dem Ästhetischen in den Gedanken von Herbart und Hegel auseinandersetzen.
Über
den Kannibalismus im Märchen „Dornröschen“
Umenai Yukinobu (Kagoshima)
Der größte Unterschied zwischen „Dornröschen“ (KHM50) und den Versionen von Ch. Perrault und G. Basile ist die Tatsache, dass das Thema des Kannibalismus, wie es in den Märchen von Perrault und Basile auftritt, im Märchen „Dornröschen“ vollkommen eliminiert wurde. Beim Kannibalismus geht es viel mehr darum, eine psychische Hungersnot zu befriedigen, als darum Menschenfleisch zu fressen. In diesem Zusammenhang ist der Fall von Issei Sagawa ein interessantes Beispiel.
Durch die Analyse dieser drei Märchen, ergibt sich folgendes Schema das deutsche und das französische Volk zu verstehen: das deutsche – ideell und dionysisch; das französische – logisch und apollinisch.
Das
Drama der Entbürgerlichung.
Über Thomas Manns Buddenbrooks-Roman
Huang Liaoyu (Beijing)
Meine Arbeit beabsichtigt, Thomas Manns Romanerstling, den er als die Seelengeschichte des deutschen bzw. des europäischen Bürgertums bezeichnet, auf die Problematik der Entbürgerlichung hin zu untersuchen. Dabei werden vornehmlich folgende Fragen erörtert:
1. Warum ist der Bürgerbegriff im Werk Thomas Manns so wichtig und so schwer verständlich für Nicht-Deutsche?
2. Woran ist Thomas Manns bürgerliches Selbstbewußtsein zu erkennen und woran seine vielleicht unbewußte Selbstkritik am Bürgertum?
3. Was sind die Ursachen und die Wirkungen der Entbürgerlichung der Buddenbrooks? Was ist ihr Inhalt?
4. Worin besteht die didaktische Leistung des Buddenbrooks-Romans?
Das
„Majo (魔女)“- bzw. Hexenbild im gegenwärtigen Japan.
Ein Praxisbericht über die Vorlesungen an zwei Universitäten
Ono Hisako (Tokyo)
Der Begriff „Majo (魔女)“ wird nach der Aussage von japanischen Studenten/-innen zwar mit negativen Inhalten wie „verdächtig“, „geheimnisvoll“ assoziiert, aber auch mit „phantasievoll“. Das Wort „Majo (魔女)“ ist nicht nur eine Übersetzung von „Hexe“, „witch“ oder „sorcière“, denn der dämonische Begriff „Ma (魔)“ als solcher kommt von dem sanskritschen Wort „Mara (魔羅)“, das den Gegner Buddhas bezeichnen soll. In diesem Bericht wird untersucht, welche Tendenz das „Majo“- bzw. Hexenbild im gegenwärtigen Japan aufweist. Dabei wird die Grenzüberschreitung oder die Vermischung alt-shintoistischer und buddhistischer Kultur, und traditionell-japanischer und westlicher Kultur berücksichtigt.
Ist
Schopenhauer geeignet, „Thomas Buddenbrook zu Tode zu bringen“?
Ahn Sam-Huan (Seoul)
Über seine Schopenhauer-Lektüre gesteht Thomas Mann: „Und welch ein Glück, daß ich ein Erlebnis wie dieses nicht in mich zu verschließen brauchte!“ Er spricht sogar von „einer glücklichen Fügung“, dass er in „Buddenbrooks“ Schopenhauer dafür gebrauchen konnte, „Thomas Buddenbrook zu Tode zu bringen“.
Hier erhebt sich aber die Frage, ob Schopenhauer so pessimistisch ist, dass man nach der Schopenhauer-Lektüre zu sterben bereit wäre.
Dieser Frage werde ich in meinem Referat nachgehen und
überprüfen, ob Schopenhauer tatsächlich geeignet war, „Thomas Buddenbrook zu
Tode zu bringen“.
Neue
Möglichkeiten der Germanistik
in den praktischen Geisteswissenschaften.
Zur ‚Liberal Education‘ an koreanischen Universitäten
Chang Young-Eun (Seoul)
Im Zentrum dieses Beitrages steht die Suche nach neuen
Möglichkeiten der Germanistik in den praktischen Geisteswissenschaften. Aus der
Sicht eines ostasiatischen Germanisten sollen Betrachtungen über die
interdisziplinäre Didaktik der ‚Liberal Education‘ in Korea angestellt werden.
In Folge der sich rasch vollziehenden Prozesse der Globalisierung und
Digitalisierung verändern sich die Ausbildungsprogramme in Korea in Bezug auf
die universitäre ‚Liberal Education‘. Dabei ergibt sich ein neuer Trend, dass
sich die ‚Liberal Education‘ in Bezug auf die Leadership-Ausbildung erweitert.
Die Leaderhip-Ausbildung, die eigentlich in ökonomischen und sozialen Bereichen
in Europa theoretisch-systematisch und historisch erörtert und vorwiegend in
den USA praktiziert wird, tritt neuerlich in den Vordergrund, und spielt im
Rahmen von Kultur- und Wissenschaftstransfer eine wichtige Rolle. Die
praktische Leadership-Ausbildung wurzelt tief in den Geisteswissenschaften.
Z. B. wurde das Konzept vom Servant-Leadership von dem amerikanischen
Betriebswirtschafts-Wissenschaftler R. Greenleaf unter starkem Einfluß von
Herrmann Hesse entwickelt. Dabei wird der Begriff der Transkulturalität
hervorgehoben. Unter didaktischem Aspekt wird einerseits Leadership-Ausbildung
in Zusammenhang mit ‚Liberal Education‘ an koreanischen Universitäten
analysiert. Andererseits wird dargestellt und diskutiert, inwieweit die
Germanistik als Kulturtransfer dabei die Kulturkontakte und -kommunikation
anbietet.
“Schriftstellerei” als Reflexion
über das Schreiben:
zur Robert Walsers Poetologie
Fan Jieping (Hangzhou)
Walter Benjamin hat in seinem Essay über Robert Walser
darauf hingewiesen, Walser sei das Wie der Arbeit so wenig Nebensache, dass ihm
alles, was er zu sagen habe, gegen die Bedeutung des Schreibens völlig
zurücktritt. Der Beitrag beschäftigt sich um die These Benjamins, warum die
bäurische Scham gerade die Sache Walsers ist und in wiefern darin Walsers
Poetologie besteht. Die Reflexion über das Schreiben stellt einen Stellenwert
bei Walers „Schriftstellern“ dar, in dem er besteht, dass der Schreibende
beständig um die Hauptsächlichkeit herumgeht oder -irrt, als sei es etwas
köstliches, um eine heissen Brei herumzugehen. Der Beitrag wird aus diesem
Aspekt untersuchen, ob Walser durch seine Prosastücke unabsichtlich zur
Ermöglichung einer postmoderne Poetologie beabsichtigt.
Über
den Begriff der Bildung in der japanischen Universitätslandschaft
Kumekawa Mario (Tokyo)
Im Verlauf der rapiden Modernisierung der japanischen Gesellschaft bildete sich ein Begriff der Bildung (kyōyō) heraus, der sich an dem europäischen Vorbild orientierte. Er wurde anfangs zwar hauptsächlich in neu gegründeten Hochschulen und Universitäten in Übereinstimmung mit dem preußischen Erziehungsmodell in Japan verwendet, aber es darf bei der Betrachtung des Begriffs und seiner Geschichte nicht übersehen werden, dass auch chinesische Kulturelemente, d. h. Zen-Buddhismus und Neo-Konfuzianismus, eine wichtige Rolle bei der Entstehung eines japanischen Verständnis von „Bildung“ spielten. In diesem Vortrag soll versucht werden darzustellen, welche Rolle der Zen-Buddhismus und der Neo-Konfuzianismus bei der Rezeption des Begriffs der Bildung spielten, welche Widersprüche zwischen der lange zuvor eingeführten chinesischen und der neuzeitlichen deutschen Kultur entstanden, und mit welchen Herausforderungen der Bildungsbegriff sich in der Gegenwart konfrontiert sieht.
Rekonstruktion,
Dekonstruktion oder Konstruktion:
Die Identitätsproblematik der chinesischen Germanistik
Wei Yuqing (Shanghai)
In Zarathustra spricht Nietzsche von Verwandlungen des Geistes in drei Stadien: nachdem das „Kamel“ als tragsamer Bewahrer alles Überlieferten und Althergebrachten gegolten hat, werden traditionelle Gebote und Werte zerstört von dem neinsagenden „Löwen“. Dieser muss dann aber dem „Kind“ Platz machen, das neue Möglichkeiten und produktive Kräfte symbolisiert. Wodurch diese drei metaphorischen Lebewesen charakterisiert sind, lässt sich zum Teil und freilich in einem modifizierten Sinne auch an diversen Positionen bei uns in China konstatieren. In ihrer Entwicklungsgeschichte ist die chinesische Germanistik immer wieder mit der Identitätsproblematik konfrontiert und befindet sich in einem Spannungsverhältnis zwischen Rekonstruktion, Dekonstruktion und Konstruktion.
Welche Germanistik(en) hat/haben Überlebenschancen?
Peter Colliander (Jyväskylä)
Mindestens seit 10 Jahren wird von der Krise Deutschen (und auch anderer Sprachen) als Fremdsprache gesprochen, und da mein langjähriges Wirkungsland, Dänemark, von Anfang an von dieser Krise stark betroffen war, habe ich mit gleichermaßen Interesse und Besorgnis die Entwicklung verfolgt und in verschiedenen Foren an den Diskussionen über mögliche Lösungen dieser Krise und über die Zukunftsperspektiven der Auslandsgermanistik teilgenommen. In meinem Beitrag werde ich versuchen, eine Art Bilanz zu ziehen, die eher den Ernst der Situation betonen als einen naiven „es-wird-schon-gehen-Optimismus“ zum Ausdruck bringen wird, und dabei zur Diskussion stellen, wie es dochgehen könnte.
Die
Chancen eines neuen interdisziplinären Curriculums
für die koreanische Germanistik
Kim Dong-Uk (Dankook)
Es handelt sich dabei um einen neuen Studiengang, der zum einen grundlegende Sprachkompetenz in interkultureller Kommunikation, vor allem Deutsch, zum anderen berufsorientierte Fachkenntnisse in den Bereichen Betriebswirtschaft, Volkswirtschaft, Politikwissenschaft und Rechtswissenschaft und die praxisorientierte Beherrschung zweier Zielsprachen, nämlich Koreanisch und Deutsch vermittelt.
Dieser neue Studiengang ermöglicht den deutschen und koreanischen Studierenden einen leichteren Einstieg ins Studiensystem beider Länder und erhöht so die Attraktivität der Studienstandorte Deutschland und Korea.
Diese Spezialisten stellen ihre Fremdsprachenkenntnisse und ihr Wissen über die wirtschaftlichen, rechtlichen, sozialen und kulturellen Verhältnisse in diesem Kulturraum Wirtschaftsunternehmen und Institutionen zur Verfügung, die regional und/oder international operieren.
Technik
als Kulturvermittlung?
Positionen der Literatur (Goethe; Musil)
im Kontext einer soziologischen Diskussion
Tim Mehigan (Otago)
Die Möglichkeiten der Kulturvermittlung haben schon in den siebziger und achtiger Jahren die Neurobiologen Maturana und Varela für die Soziologie herausgearbeitet. Mit Blick auf den in der Soziologie vielerorts eingesetzten Begriff der Autopoiesis sucht folgender Beitrag eine Annäherung an die Möglichkeitsszenarien der Literatur, für die die Überlegungen Goethes in dessen Wahlverwandtschaften im beginnenden 19. und die gesellschaftskritischen Versuche Robert Musils im Mann ohne Eigenschaften im frühen 20. Jahrhundert beispielhaft erscheinen. Im Mittelpunkt steht die Frage, wie sich der Kulturwandel in Gesellschaften vollzieht, daher auch wie Literatur in Zeiten der „technischen Reproduzierbarkeit“ der Kunst und der Gesellschaft das Problem des Kulturwandels erhellen könnte.
Kollektive Gedächtniskonzepte und Auslandsgermanistik
Isozaki Kotaro (Kanagawa)
In meinem Sektionsvortrag geht es darum, wie die interkulturelle Germanistik bzw. Auslandsgermanistik in Hinblick auf Gedächtniskonzepte aussieht. Ich beziehe mich dabei auf ‚kollektives Gedächtnis‘ von Maurice Halbwachs, ‚kulturelles Gedächtnis‘ nach Jan und Aleida Assmann und neueste Forschung z. B. von Astrid Erll. Spaltung und Verschmelzung von Gruppen, die Gedächtnis bzw. Identität teilen, und ihr Kontakt sind auf ein Modell des wissenschaftlichen Verkehrs anzuwenden. Dieses ist besonders ausländischen Germanisten aufschlussreich, soweit die Auslandsgermanistik einen unterschiedlichen kulturellen Hintergrund voraussetzt. In diesem Zusammenhang diskutiere ich noch, ob und wie sich der wissenschaftliche Verkehr, den man vom Gesichtspunkt der Gedächtnisproblematik sieht, auf die Transkulturalität bezieht.
Kalidasas
‚Sakuntala‘ und das romantische Universaldrama:
Möglichkeiten und Grenzen eines interkulturellen Dialogs
Volker Mertens (Berlin)
‚Sakuntala‘, Ende des 18. Jahrhunderts ins Englische, dann ins Deutsche (Georg Forster) übertragen, von Herder und Goethe geschätzt, ist ein in der Dramatik neuer Typus durch Einbeziehung der Transzendenz: andersweltliche Figuren, ein Akt spielt im Himmel. Goethe griff das im ‚Faust‘ (Vorspiel im Himmel, 2. Teil) auf, Tieck in ‚Genoveva‘. Der neue Typus trifft auf Vorprägungen (geistliches Spiel des Mittelalters, Barockdrama). An Übersetzungen wie intertextuellen Bezügen zeige ich Möglichkeiten und Grenzen der Aneignung, bedingt durch die unterschiedlichen Konzeptualisierungen von Transzendenz in Hinduismus und Christentum sowie die Haltung zu Welt und Gesellschaft.
Sprache und Sein in Japan und in Deutschland
Takahashi Teruaki (Tokyo)
In der altjapanischen Sprache heißen sowohl Wort als auch Sache koto. Dadurch, dass Wort und Sache auf altjapanisch gleich lautet, wurden ursprünglich Wort und Sache und folglich Wort und Existenz der Dinge von einander nicht unterschieden, sondern für dasselbe gehalten. Dieser ontologische Aspekt im altjapanischen Sprachdenken bzw. -glauben ließe sich in gewisser Hinsicht mit der westlichen Sprachontologie, die uns etwa in der biblischen Beschreibung der Schöpfungsgeschichte bzw. in der Formel des Johannes-Evangeliums („Am Anfang war das Wort.“) oder auch neuerdings in Heideggers Rede von der Sprache als „Haus des Seins“ begegnet, in Parallele bringen. Auf Grund dieser interkulturellen Gegenüberstellung wird aufs Neue über das ontologische Verhältnis zwischen Wort und Sache bzw. Sprache und Sein nachgedacht.
Kontrastive Soziolinguistik und Grenzüberschreitung
Yamashita Hitoshi (Osaka)
Die Soziolinguistik hat bis jetzt versucht, die sprachlich bedingten Grenzen zu überwinden, zum Beispiel die Grenze zwischen restringiertem und elaboriertem Kode, zwischen der Standardsprache und dem Dialekt oder nationaler Sprache und Minderheitssprachen. Neben diesen Forschungsbereichen könnte auch die kontrastive soziolinguistische Erforschung der Höflichkeit zur besseren Kommunikation beitragen. Gerade in Asien ist die Untersuchung des kulturbedingten Kommunikationsverhaltens relevant, weil es immer noch gegenseitige Vorurteile unter den Bevölkerungsgruppen gibt. Zu deren Untersuchung ist die „grenzüberschreitende“ Zusammenarbeit erforderlich. In der Hoffnung, dass eine solche Kollaboration zustande kommt, stelle ich eine Methode und Ergebnisse der kontrastiven soziolinguistischen Untersuchung zwischen Deutsch und Japanisch vor.
Diskursmarker und Semantik-Pragmatik-Schnittstelle
Zhang Honggang / Shi Kaimin (Shanghai)
In diesem Beitrag
werden die unterschiedlichen Auffassungen über die Abgrenzung von Semantik und
Pragmatik zusammenfassend vorgestellt. Es ist aber nicht leicht, an vielen
Stellen die Semantik von der Pragmatik abzugrenzen. Durch die Analyse von
Diskursmarkern werden die Probleme der Abgrenzung zwischen Semantik und
Pragmatik erörtert und es wird der Frage dabei nachgegangen, ob die Entwicklung von
Diskursmarkern im Deutschen als Grammatikalisierung zu betrachten ist.
Kulturelle
Einflüsse in der interkulturellen Kommunikation
zwischen Deutschen, Chinesen und Japanern
Zhu Kaifu (Idstein)
Sprache ist seit langem ein wichtiges Mittel in Kommunikation. In der interkulturellen Kommunikation spielt im Prozess der heutigen Wirtschafts- und Informationsglobalisierung nicht nur Sprache eine wichtige Rolle, sondern auch Sozialkompetenz. Es bedarf der interkulturellen Kommunikation auf der Grundlage fundierten Wissens über kulturspezifische Umweltfaktoren, insbesondere wenn deutsche Gesprächspartner ihren Sitz in China und Japan oder umgekehrt haben.
Der Vortrag konzentriert sich auf kulturbedingte
Unterschiede durch kulturelle Einflüsse und könnte vielleicht dazu beitragen,
dass Akzeptanz- und Verständnisprobleme vermieden sowie Kommunikationsbarrieren
zwischen Deutschen, Chinesen und Japanern präventiv abgebaut werden.